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Tugend.
nicht bloß einer Elite der Menschheit, „unsers Herrgotts Wunderkindern" zukommen'jede Tugend als christliche muß in irgend einem Grad allgemein sein können, dann aberund in diesem Sinn ist sie auch Pflicht. Ich kann freilich keinem Knaben als Pflichtauferlegen: du mußt ein genialer Kerl, du mußt ein Original werden; aber ich kannjedem zumuten, er soll weder oberflächliches Zeug schwatzen noch der Nachbeter andererLeute sein. Weisheit und Stärke im ethischen Sinn gehören ohnehin unter die Dinge,die, obgleich die Basis, der Kern desselben abermals eine Gabe von oben ist, doch inihrem Vollsinn niemand ohne eigene Anstrengung erlangt, die aber zu erlangen und zubethätigen jedes Christen Pflicht ist. Und so lassen sich denn alle die willkürlich gesetztenSchranken zwischen dem Gebiet der Tugend und dem der Pflicht schlechthin nicht auf-recht halten; was Schleiermacher schon erkannt, aber in der Ausführung nicht fest-gehalten hat, das ist von späteren Ethikern durchaus als feststehend nachgewiesen worden,daß der Inhalt beider Gebiete völlig der gleiche, der Unterschied nur ein formeller ist,nämlich daß ganz das gleiche sittlich Gute, was in der Form der Pflicht als ein Sollenerscheint, in der Form der Tugend schon zum Wollen, ja zum stetigen Wollen, zur Ge-sinnung, noch mehr: zur Fertigkeit, wenn man so sagen wollte, zur persönlichen Sittegeworden ist. Und darum können wir auch unsere Kinder Tugend nur lehren, indemwir sie alle Christenpflichten lehren; gelingt es, die Tugend als Gesinnung und Fertig-keit ihnen durch Angewöhnung, durch Beispiel und Haussitte beizubringen, so daß dasPflichtbewußtsein erst im reiferen Alter hintennach kommt, und somit nur das dem Geisteklar wird: was man schon längst zu thun gewohnt sei, was man gar nicht mehr lassenkönnte, das sei recht vor Gott, das fordere er eben: dann ist der Erziehung ein Meister-stück gelungen. Es wird aber kaum je einen Menschen geben, dem nicht schon zurAneignung einer Tugend durch widerholtes Geltendmachen der Pflicht die nötigen An-triebe gegeben werden müßten; und wenn nur dieser Anreiz wirksam ist, wenn es nurschon so steht, daß ohne äußere Nötigung, ohne Zwang und Drang das einfache Pflicht-bewußtsein treibt, so ist die Tugend bereits im Werden, im gesunden Gedeihen begriffen.
Wir unterscheiden Tugend und Tugenden, ohne daß darum die letzteren bloß derPlural der ersteren wären. Tugend, von taugen, ist 1) eigentlich ganz allgemein dieTüchtigkeit, besonders aber die sittliche Gesinnungs- und Thatkraft, die sich stets bereitund wacker finden läßt, das Gute zu thun. Woher sie selber kommt und wie sie diesesGute als solches erst erkennt, das ist Sache anderweitiger Erörterung; die christlicheEthik führt beides auf Gott, auf sein Offenbarwerden im Innern wie in der Geschichte,zumeist in der Erlösung zurück, die im einzelnen Menschen zu einer Neugeburt, einerUmwandlung der Natur in das Bild Christi sich gestaltet. Sogenannte Tugendmittel,Mittel der Sclbsterziehung können sie selber nicht Hervorbringen, solange dieser Grund,der neue, in Gott geheiligte Lebensgeist nicht vorhanden ist; erst auf diesem Grunde istes dann Sache der christlichen Mündigkeit, daß jeder an sich selber als Erzieher arbeitet.In diesem neutestamentlichen Sinn ist es ganz richtig, daß die Tugend nicht lehrbarsei, so wenig als z. B. die Gesundheit; sie ist der Ausdruck, die Regung und Belhäti»gung eines Lebens, das aus Gott stammt, aber mit menschlicher Belehrung alleinniemandem eingehaucht werden kann. Was gut ist, kann ich lehren, kann die Beweg-gründe vollständig und nachdrücklich geltend machen, aber der Wille muß in seinen ge-heimsten Tiefen von einer höhern Hand gefaßt, von einem göttlichen Lebensodem an-gehaucht und erwärmt werden und sich eben als Wille erwärmen lassen; gerade dieHauptsache, das Einswerden des menschlichen Willens mit dem göttlichen, muß in diesemgeheimen Heiligtum vor sich gehen, den Schlüssel zum Innersten der Festung hat keineLehrkunst. 2) Tugend ist aber, wo sie lebendig ist, doch niemals die bloße Kraft, dieniemand sich selbst geben kann, sondern immer schon eine Fertigkeit, in dieser Kraft zuhandeln, sie zu bethätigen; und Fertigkeit setzt immer schon Übung voraus, so daß hierdie sog. Tugendmittel, die Gymnastik der Sittlichkeit, die Selbstübung und im Standeder Minderjährigkeit das Geübtwerden einen notwendigen Platz hat. 3) Endlich: wie