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Tugend.
Tugend. Dieser Gegenstand ist hier nicht in derselben Weise und in dem Umfangzu behandeln, wie dies die Ethik, die philosophische und die theologische zu thun hat-wir haben nur die der Pädagogik zugewendete Seite desselben zu beleuchten. Jedochsetzt auch die Beantwortung der praktischen Fragen: was ist Kindestngend? wie soll sieerzeugt, wie zur Mannestugend erhoben werden? immerhin ein klares Erkennen desGrundbegriffes voraus; der denkende Erzieher wie der wissenschaftliche Pädagog bedürfenauch in diesem Punkt eines festen, im Bereich der Ethik liegenden Grundes, und sodürfen wir uns hier nicht davon entbinden, einiges allgemeinere in Kürze voranzuschicken.
Merkwürdigerweise hat der Name Tugend, wie noch andere für die Sittenlehrehöchst wichtige Termini, — wie Pflicht, wie sogar Gewissen*) — keine biblische Heimat;er ist, wie diese, aus der antiken, heidnischen Ethik erst in die christliche Spracheherübergewandert. Das Alte Testament hat zwar ein Wort, das der virtus analog isi(olnrsil), und in der Zusammensetzung: „tugendsames Weib" gebraucht auch Luther da-für das Wort Tugend (Ruth 3, 11, Proverb. 31, 10); aber es ist darunter weitnicht das Große und Allgemeine verstanden, was der Tugendbegriff in seinem ganzenUmfang in sich schließt; an dessen Stelle setzt das Alte Testament die Gerechtigkeit, alsvöllige Angemessenheit des Menschen nach Gesinnung und Handlungsweise im Verhältniszum göttlichen Gesetz. Der heidnische Begriff, »peris, virtus, legt auf die freie, mann-hafte Bethätigung der inneren Kräftigkeit das Hauptgewicht, während dem Israeliten,gemäß der ganz entgegengesetzten Stellung, die er zu seinem Gott einnimmt, die un-bedingte Unterwerfung unter das Gesetz Gottes das Höchste ist. Das Neue Testamentkennt zwar das Wort «(-kr?/, aber es komnit nur in vier Stellen vor und zwar inSchriften, auf deren Verfasser schon hellenische Bildung mehr oder weniger Einfluß geübthat; von Paulus, der Philipp. 4, 8 das Wort gebraucht, ist dies ja bekannt, aber auchdie beiden Briefe Petri, wo es I. 2, 9. II. 1, 3 und 5 vorkommt, verraten solchenEinfluß, während weder die Evangelien, also Jesus selbst, noch Johannes und Jakobus,noch auch Paulus in seinen eigentlichen Lehrschriften es gebraucht. Und selbst unterjenen vier Stellen finden sich zwei (1. Petri 2, 9, 2. Petri 1, 3), wo unter «geri),«per«/ nicht eine menschliche, sondern eine göttliche Qualität, die durch die Erlösungoffenbar gewordene, die Menschen beseligend überströmende Kraftfülle Gottes zu verstehenist. In Philipp. 4, 8 hat der Apostel offenbar nicht die eigentlich christlichen, sonderndie allgemein menschlichen, auch beim Heiden vorhandenen Tugenden im Auge, in denensich aber auch der Christ vom Heiden nicht soll überholen und beschämen lassen. Nur2. Petri 1, 5 ist es christliche Tugend, aber auch hier in einem ganz besonderen Sinn,nicht als Inbegriff alles christlich-guten im Willen und Wandel, sondern als männlicherMut, den Glauben zu behaupten. So hat nun auch die christliche Sittenlehre erst sehrspät den Tugendbegriff in jener Allgemeinheit ausgenommen; das Mittelalter kennt zwardie Tugenden (z. B. in Alcuins Buch von den Tugenden und Lastern) und weiß sienach seiner Weise einzuteilen (Cardinaltugenden, theologische Tugenden, heroische Tugenden;weitere scholastische Einteilungsweisen hat u. a. Friedr. Heinr. Schwarz, evang. christl.Ethik, I. S. 273 f. zusammengestellt), und der Einfluß der antiken Ethik auf die Lehr-weise der Kirchenväter und der Scholastiker macht sich auch in der vielfachen Verwendungdes Tugendbegriffes bemerklich, aber es treten doch gemäß dem Geiste des Mittelaltersdie Ideen von christlicher Vollkommenheit, von Heiligkeit, es tritt überhaupt die mönchischeAuffassung des Sittlichen viel zu stark in den Vordergrund, als daß der reine Tugend-begriff an die Spitze der Ethik hätte zu stehen kommen können. Für die Reformatorenwie für den Pietismus widerum war die biblische Sprache und Anschauung maßgebend;Gottes Gebot und der Christen Gottseligkeit sind die herrschenden Begriffe und erst derRationalismus, weil er das eigentümlich Christliche in ein allgemein Menschliches um-setzte, ist der eigentliche Tugendprediger und Tugcndpoet geworden. „Tugend ist der
*) Denn avr-klckyaix, Rom. 2, 15, deckt trotz Luthers Übersetzung diesen Begriff nicht völlig.