12
Spener.
soll dann mehrmals wider vorn anfangen, aber in immer kleineren Partieen, so daß manspäter wol zu einer einzigen Frage eine ganze Stunde brauche. Für diese höhere Stufesind denn natürlich auch eingehendere Fragen und inhaltsreichere Antworten erforderlich.Über das zweite der obigen drei Erfordernisse sagt er: „Sonderlich ist sehr gut, wenndie Schüler stracks zu den Sprüchen geführt werden und lernen alles, wovon sie unter-richtet werden, mit einem gewissen Spruch aus der Bibel zu erweisen." — Eine Fragesteigt uns dabei unwillkürlich auf, warum nämlich Spener, dem doch alles daran lag,von den überlieferten, also abgeleiteten Bildungsmitteln zur Quelle selber zu führen, alsText der Katechese immer noch den Katechismus festhält, ohne den so nahen Schritt zuthun, daß er die Bibel selber in Lehrgesprächen katechetisch behandelt hätte? Die Ideedrang sich allerdings auch ihm schon auf; in den 6onsil. tüsol. II, S. 32 sagt er, erwürde die Katechumenen gerne zum Lesen des N. T. selber führen; er würde sie nachjedem Kapitel fragen, was sie sich daraus gemerkt, würde dabei auch die Geschichtendurch Bilder veranschaulichen und dem Gedächtnis einprägen. Das würde er thun, meosi agsrotur urditrio — wirklich ausgeführt aber hat er diesen Gedanken nicht, dashaben erst in der Folgezeit seine Schüler und Freunde in Halle begonnen. Wir glaubenkaum fehlzugehen, wenn wir uns die Ursache dieser Zurückhaltung von einem Verfahren,das uns so natürlich scheint, daß unsre jungen Katecheten sogar früher an Bibeltexten,als am Katechismus, das Katechifieren zu lernen pflegen, folgendermaßen denken. Trotzder Idee des allgemeinen Priestertums, mit welcher Spener Ernst machte, wirkten doch diealten Vorstellungen von der Unmündigkeit des Laien in geistlichen Dingen immer nochinsoweit nach, daß es selbst jetzt noch Zeit brauchte, bis man die Möglichkeit sich denkenkonnte, daß über Gottes Wort auch der Laie, auch das Kind reden könne; Schrift-auslegung wußte man sich noch immer nicht anders, denn in der Form der Predigt zudenken; die Katechismuslehre sollte dazu eben den Erkenntnisgrund legen, auf welchemdann die Auslegung der Schrift die rechte Erbauung bewirken könne. Oder anders ge-sagt: gerade weil die Schrift Gottes Wort ist, blieb man mit den zerlegenden Fragen,mit diesem Zerpflücken noch in ehrfürchtiger Entfernung von ihr stehen. Aus andrerUrsache haben wir es abzuleiten, daß Spener auch nicht daran dachte, Kirchenliedererlernen zu lassen. Daß für die Poesie als solche, nach ihrer ästhetischen Bedeutung,keine besondere Teilnahme bei ihm, dem nüchternen praktischen Manne, vorhandenwar, hat wol auch hierauf eingewirkt; für seine vornehmlich didaktischen Zwecke schienihm ohne Zweifel das poetische Gewand eher hinderlich; des wörtlichen Erlernens werthielt er, wie oben erwähnt, eigentlich nur die Bibelsprüche; und was ein Christenkindvon Liedern sich aneignen sollte, das lernte sich, wie er sich wol dachte, durchs Singenvon selbst (s. darüber die Katechetik des Unterz. 5. Ausl. S. 570 f. Note. Das dortüber diesen Punkt Bemerkte ist inzwischen bestätigt worden durch Ecksteins Schrift: „DieGestaltung der Volksschule durch den Franckeschen Pietismus, Leipzig 1867", S. 32, 36).
Über das Schulwesen im allgemeinen hat sich Spener, wie er mit aufrichtiger Be-scheidenheit gesteht, kein gründliches Urteil zugetraut, er habe darin zu wenig Erfahrungund wisse bloß, was er nuturuU juäieio assequiere (Th- Bed. II, S- 97; III, S. 151,376). Auch eine Pädagogik als System hat er sich nicht ausgebildet; er giebt bloß aufBefragen über dies und jenes Bescheid nach seiner unmaßgeblichen Meinung. Wie wenigaber das pietistische Erziehungsprincip ihm als allein berechtigt war, darüber mag zumSchluß noch folgende, auch im Stil echt Spenersche Äußerung Zeugnis geben. In denTh. Bed. Bd. IV, S. 602 sagt er: „Ich bin nicht in Abrede, daß ich eine solcheStrenge, wo den Kindern keine Stunde sich zu ergötzen vergönnt wird, weder vomChristentum erfordert zu werden, noch den Kindern nützlich zu sein, erkennen kann. DieÜberwindung des eigenen Willens und die Verleugnung seiner selbst sind freilich vor-nehme Lektionen, die auch der Jugend müssen vorgegeben und sie darin geübt werden;aber die rechten Mittel dazu sind nicht die gewaltsame Abhaltung von alledem, wozuihre auch an sich nicht sündliche, natürliche Neigung geht, sondern eine freundliche und