Spener.
-eine Herzensangelegenheit betrieb, gleichwol aber das eigentliche Studium auf die Werk-tage beschränkte, um den Sonntag lediglich der Erbauung zu widmen. Von Straßburggieng er nach Basel, um bei Buxtorf das Hebräische zu betreiben, dann nach Genf;nach seiner Rückkehr nahm ihn der Graf von Rappoltstein mit sich nach Stuttgart, wosich Spener durch Herzog Eberhard III. gewinnen ließ, in Tübingen Vorlesungen zuhalten; jedoch machte schon nach wenigen Monaten ein Ruf in die Heimat der akademischenThätigkeit Speners für immer ein Ende. Er ward 1663 Prediger in Straßburg, wurdeaber 1666 von der Stadt Frankfurt a. M. als Senior — ein Mann von erst 31 Jahrenzum Haupte der dortigen Geistlichkeit — berufen, und hier begann er nun seine refor-matorische Wirksamkeit. Freilich war das Mittel dazu keinerlei Agitation, kein Partei-machen, sondern einzig der Ernst und die liebevolle Treue, womit er sein Amt führte,wie es überhaupt ein Merkmal seines Charakters war, daß er nicht, wie andere', wieselbst Gesinnungsgenossen vor ihm und nach ihm, große Ideale sich bildete, hinter denendie Wirklichkeit der Leistungen und Erfolge gewöhnlich weit zurückbleibt, sondern daß erauch das Größte nur innerhalb der Grenzen des Erreichbaren suchte und durch seinenklaren Verstand und seine treue Arbeit es dann auch wirklich erreichte. Wenn er anfiengdie Jugend zu katechisieren, so war das in Wirklichkeit keine neue Einrichtung, es warbloß die treue Anwendung eines schon gegebenen Werkzeugs zur Unterweisung der Jugend;die Katechismusexamina bestanden längst, aber dieser völlig leergewordenen Form, diedarum auch von den meisten Geistlichen vernachlässigt war, jedoch glücklicherweise inFrankfurt sich immer noch erhalten hatte, Inhalt zu geben und Leben einzuhauchen, dashat er verstanden, das war sein Werk. Zunächst auch nur dadurch Belehrung zu geben,dem unglaublich unwissenden Volk eine Grundlage einfacher, aber klarer und fester Be-griffe beizubringen, galt ihm schon viel; bald aber legte sich ihm die weitere Frage nahe,„wie der Kopf ins Herz gebracht werden könne", und so bildete sich ihm sowol derklare Begriff der Aufgabe als die praktische Kunst der Katechese in gesegnetstem Fortgangaus. Wie hiermit auch die Entstehung religiöser Privatversammlungen zusammenhieng,sofern bald in seinen Katechisationen auch viele Erwachsene sich einfanden, in denen dadurchder Trieb erwachte, ebenfalls durch Unterredung (zunächst über die an demselben Tagegehörten Predigten) sich belehrend zu erbauen, wozu noch insbesondere eine im Jahre 1669von Spener gehaltene ernstliche Büßpredigt wider alle falsche, äußere Kirchlichkeit ent-scheidend mitwirkte, müssen wir uns begnügen, hier nur zu erwähnen; der weitere Verlaufdieser Bewegung gehört als eigentlich kirchengeschichtlich nicht mehr hierher. Nur das istnoch hervorzuheben, daß Spener all dies im Einvernehmen mit seinem Kollegium undmit der städtischen Obrigkeit that; seine Grobheit wie seine Reinheit von jedem ehrgeizigenGedanken lag in diesem seinem Verfahren offen zutage. Ebensowenig pulsierte in alledem eine sektireriscbe Ader; wie in seiner Gemeinde, so hätte er gern in der evangelischenKirche das unter den heillosen theologischen Händeln erstorbene Leben wider in Fluß ge-bracht; die ooolssiolao, die er in eoelosia herzustellen wünschte, sollten nicht eine Klassevon Eingeweihten im Unterschied von der profanen Masse sein, sondern nur ein lebens-kräftiger Anfang, ein gesunder Kern, der nicht vom Ganzen sich trenne, sondern eben durchseine Verbindung mit dem Ganzen nach allen Seiten hin wolthätig wirke. Wie diesmöglich wäre, hat er noch in Frankfurt 1678 in seinen kirr äosiäsria (die vor einigenJahren der Marburger Theolog Henke der gegenwärtigen christlichen Welt wider vorhieltin der Schrift: „Speners xia äesiäeria und ihre Erfüllung", Mark. 1862) ausge-sprochen. Welch' unglaubliche Wirkung diese Kundgebung hervorgebracht hat, ist ausHoßbachs Biographie (2. Ausg. von Schweder, Berl. 1853, S. 104 ff.) zu sehen;Spener selbst war dadurch überrascht und konnte Gott nicht genug dafür danken, aberes blieben auch (ebd. S. 110 ff.) die ärgsten Schmähungen und niederträchtigsten Ver-leumdungen von seiten desjenigen Theologengeschlechts nicht aus, das in diesen Wünschenund Anforderungen eine Verurteilung seiner eigenen Praxis erkannte. In Speners Frank-furter Zeit fällt noch (1666) die Herstellung der Konfirmation, die zwar schon im