V
\
Von dem Willen u. f. w. 351
Ding, deffen Wirklichkeit wir wiinfchen, gewährtVergnügen, wenn wir an folche Urfachen denken,die es hervorbringen; und aus eben dem Grunde er-weckt es Traurigkeit oder Unluft, wenn die entge-gengefetzte Betrachtung i’tatt findet; fo dafs die Af-fekten, eben fo wie der Verftand in allen blos wahr-fcheinlichen Fragen zwifchen Gründen und Gegen-gründen getheilt ift, ebenfalls zwifchen entgegenge-fetzten Bewegungen getheilt feyn müffen.
Wenn wir nun das menfchlicheGemüth betrach-ten, fo werden wir finden, dafs es in Anfehung derLeidenfchaften nicht fowohl mit einem blafendenmufikalifchen Inftrumente zu vergleichen ift, das, vwenn man alle Noten darauf durchläuft, feine Töneunmittelbar nach dem Athemzuge wieder verliehrt;fondern es ift vielmehr einem Saiteninftrumente ähn-lich, wonach jedem Anfchlage noch ein Ton vermit-tellt der Schwingungen noch zurückgehalten wird, dernur nach und n ch und ganz unmerklich verfchwin-det. Die Einbildungskraft ift unglaublich behendund regfam ; die Leidenfchaften aber find mehr lang-famund beharrend. Wenn daher ein Objekt vorgeftelltwird, das der'einen mehrere und mannichfallige Ge-fichtspunkte gewährt, und den andern Bewegungen;fo wird doch nicht jeder Schlag, obgleich die Bhan-tafie ihre Betrachtungsart mit der gröfsten Schnellig-keit ändert, ein klares und ganz unterfchiedenesZeichen der Leidenfchaft hervorbringen, fondern dieeine Leidenfchaft wird immer mit der andern ver-mengt und vermifcht feyn. Je nachdem nun die
T 3 Wahr-