Druckschrift 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Entstehung
Seite
283
Einzelbild herunterladen
 

Von dem Willen u. f. w.

283

Alles diefes läfst lieh leicht auf die gegenwärtigeUnterfuchung anwenden, weshalb eine beträchtlicheEntfernung in der Zeit eine gröfsere Verehrung ge-gen die entfernten Gegenftände hervorbringt, alseine gleiche Entfernung im Raume. Die Einbil-dungskraft findet gröfsere Schwierigkeiten, wennfie von einem Theile der Zeit zum andern gehenmufs, als in dem Uebergange der Theile des Raums;und diefes deshalb, weil Raum oder Ausdehnungunfern Sinnen als vereiniget erfchei.nt, dahingegendie Zeit oder die Suceeffion immer nur abgebrochenoder theilweife vorgeftellt wird. Diefe Schwierig-keit hindert und fchwächt die Phantafie, wenn fienur eine kleine Entfernung betrifft, hat aber beieiner grofsen Entfernung eine entgegengefetzte Wir-kung. Die Seele, welche durch die Gröfse ihresObjekts gehoben wird, wird es noch vielmehr da-durch, wenn die Vorftellung deffelben recht fchwerift; denn da fie jeden Augenblick im Uebergangevon einem Theile der Zeit zum andern ihre Kräftevon neuen anftrengen mufs, fo fühlt fie einen leb-haften und höhern Schwung, als wenn fie die Theiledes Raums durchgeht, wo die Begriffe ruhig undleicht hindurchfchlüpfen. In diefem Schwünge er-zeugt die Imagination, welche, wie gewöhnlich,von cler Betrachtung der Entfernung zu der An-fchauung des entfernten Objekts übergeht, eine pro-portionirliche Empfindung der Ehrfurcht gegen daf-felbe; und diefes ift der"Grund, weswegen alle Re-liquien des Alterthums in unfern Augen fo viel

Werth

I