252 Ueber die menfchliche Natur.
Willen wirken; und dafs , wenn fie mit einander inWiderftreit gerathen, eins von beiden dem allge-meinen Charakter oder der gegenwärtigenDifpofition der Perfon gemäfs, die Oberhand be-hält. Was wir Stärke der Seele nennen, begreiftdie Obermacht der ruhigen Leidenfchaften über dieheftigen in lieh; ob fich gleich die Beobachtung fehrleicht machen läfst, dafs kein Menfch diefe Tugendin einem fo hohen Grade heiitzt, dafs er nicht beidiefer oder jener Gelegenheit den Foderungen derLeidenfchaften und Begierden Gehör geben follte.Aus diefer Verfchiedenheit der Gemüthsbefchaffen-heit entfteht die grofse Schwierigkeit über die Hand-lungen und Entfchliiffe der Menfchen richtig zu ur-theilen, wo ein Widerftreit von Bewegungsgründenund Leidenfchaften ftatt findet.
Vierter Abfchnitt.
Von den Urfachen der heftigenLeidenfchaften.
Keine Materie in der Philofophie ift von fo fub«tiler fpekulativer Natur, als die über die verfchie-denen Urfachen und Wirkungen der ftillen7 und heftigen Leidenfchaften. Es ift offenbar, dafsdie Leidenfchaften nicht nach dem Verhältniffe ih-rer Heftigkeit oder der Unordnung, die fie im Ge-müthe verurfachen, den Willen beftimmen; fon-dern im Gegentheil, wenn eine Leidenfchaft einmal
eine