2jo Ueber die menfchliche Natui\
langen der Seele gänzlich diefelben find, welchelceine verfchiedene Empfindung hervorbringen, undvon dem Gefühle und der Wahrnehmung nicht un-mittelbar unterfchieden werden können. So beweiftlieh z. B. die Vernunft wirkfam, ohne merklicheGemüthsbewegung hervorzubringen; und gewährt,aufser bei den höheren Unterfuchungen der Philofo-phie oder bei den unnützen Subtilitäten cler Schu-len kaum einiges Vergnügen oder Mifsvergniigen.Daher kömmt es, dafs jede Handlung des Gemüths,welche die Seele gleichmüthig und ruhig währendihrer Wirkung läfst, von allen denen mit der Ver-nunft verwechfelt wird, welche nach dem erftenAnblick und Schein über die Dinge urtheilen. Nunift es gewifs, dafs es gewiffe ruhige, fülle Verlan-gen und Beftrebungen giebt, welche, ob fie gleichreale Leidenfchaften find, doch nur wenig Unruheim Gemüthe erzeugen, und mehr durch ihre Wir-kungen als durch das unmittelbare Gefühl oder dieEmpfindung erkannt werden. Diefe Begierden findvon zweierlei Art; entweder gewiffe Inftinkte, dieurfpriinglich unfrer Natur eingepflanzt find, wiedas Wohlwollen und die Begierde das angethaneUnrecht zu rächen, die Liebe zum Leben, und dieZärtlichkeit gegen die Kinder, oder die allgemeineNeigung zum Guten und die Verabfcheuung des ßö-fen, blos als folches betrachtet. Wenn diefe Leiden-,fchaften ruhig find und keine Unordnung in derSeele verurfachen, fo werden fie aufserordentlichleicht für Beftimmungen der Vernunft gehalten, und