22g Ueber die menfchliche Natur.
nicht dem einen Nothwendigkeit beilegen, und fiedem andern abfprechen. '
Es giebt keinen Philofophen, der diefem phan-taftifchem Syfteme der Freiheit, fo fehr anhangenfollte, dafs er dabei nicht die Stärke der morali-fchen Gewifsheit anerkennen, undfowohlinder fpekulativen als praktifchen Erkenntnifs auf fieals einen vernünftigen Grund fufsen follte. Nun iftdie moralifche Gewifsheit oder Evidenz,nichts anders als ein Schlufs über menfchliche Hand-lungen, der fich auf die Betrachtung ihrer Bewe-gungsgriinde, natürlichen Befchaffenheit und Lagegründet. So fchliefsen wir, wenn wir gewiffe Cha-raktere oder Figuren auf Papier gefchrieben fehen,dafs die Perfon, welche fie fchrieb, die Abficht hatte,gewiffeThatfachen zu beftätigen, als Cäfars Tod,Auguftus Glück, Nero’s Graufamkeit; undindem wir uns an mehrere andre Zeugniffe erinnern,die daffelbige ausfagen, fchliefsen wir, dafs derglei-chen Begebenheiten fich wirklich ereignet haben, unddafs fo viele Men fehen ohne befonderes Intereffe,niemals fich zufarnmen vereinigen werden, uns zutäufchen; befonders da ein folcher Verfuch fie demGelächter aller ihrer Zeitgenoffen würde ausgefetzthaben, wenn fie dergleichen Begebenheiten erdich-tet, und fie für neu und allgemein bekannt ausge-geben hätten. Diefelbige Art zu fchliefsen, ift inStaats-und Kriegsangelegenheiten, im Handel, inder Oekonomie gewöhnlich, und ift überhaupt foganz und gar mit dem menfchlichen Leben verwebt,
dafs