Druckschrift 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Entstehung
Seite
208
Einzelbild herunterladen
 

208

Ueber, die menfclilicbe Natur.

die Affektionen ganz abgefondert und von einanderverfchieden feyn, und fich nie begegnen. DasVerhält-nifs findet aber allemal ftatt, wenn die Perfonen ne-ben einander kommen ; und diefes ift der allgemeineGrund, warum es uns eine unangenehme Empfin-dung verurfacht, wenn wir folche kontraftirendeObjekte neben einander fehen, wie einen Reichenund einen Armen, einen Vornehmen und ganzGeringen.

Diefe unangenehme Empfindung, die jedemZufchauer gemein ift, mufs bei einem Hohem nochftärker feyn; und diefes deshalb, weil die gröfsereAnnäherung des Niedrigen als einTheil der fchlech-ten Erziehung betrachtet wird, und beweifst, dafser das Unfchickliche nicht merkt, und gar nicht da-von gerührt wird. Ein Gefühl der Superiorität ineinem andern , erzeugt in allen Menfchen eine Nei-gung fich von ihm entfernt zu halten, und beftimmtfie die Zeichen der Ehrfurcht und Achtung zu ver-doppeln, im Falle fie fich ihm nähern miiffen; undwenn fie diefe Aufführung nicht beobachten, fo ge-ben fie einen Beweis, dafs fie feine Superioritätnicht empfinden. Daher kömmt es auch, dafs maneinen grofsen Unterfchied in den Graden einergewiffen Befchaffenheit, eine Diftanz oder Ent-fernung nach einer ganz gewöhnlichen Metaphernennt, welche, ob fie gleich trivial zu feyn fcheint,dennoch ihren Grund in den natürlichen Gefetzender Einbildungskraft hat. Eine grofse Verfchieden-heit macht uns geneigt eine Entfernung anzunehmen.

Die