Print 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Place and Date of Creation
Page
201
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
 

Von der Liebe und dem Haffe. 201

die leidende Perfon und Hafs gegen denjenigen, derdie Urfache ihrer Leiden ift, hervorbringen; wennes nicht deshalb wäre, dafs im letztem Falle der Ur-heber blos ein Verhältnifs zu dem Leiden hat, dawir hingegen bei der Betrachtung des Leidenden,unfern Blick nach jeder Seite wenden, und feinWohlbefinden eben fo fehr wünfchen, als wir feinenSchmerz mit empfinden?

Ich bemerke noch, ehe ich die gegenwär-tige Materie verlaffe, dafs diefe Erfcheinung derzwiefachen Sympathie und ihrer Kraft, Liebe zu ver-urfachen, auch vielleicht etwas zur Erzeugung derzärtlichen Zuneigung gegen unfre Verwandten undFreunde beiträgt. Umgang und enge Verhältniffeder Verwandtfchaft machen, dafs wir tief in die Ge-finnungen und den Charakter anderer eindringen;und nun mag fie ein Schickfal treffen, welches mattwill, fo wird fifch unfre Imagination folches leichtvorftellen und fo auf uns wirken, als ob es urfprüng-lich unfer eignes wäre. Wir freuen uns bei ihremGlück, und betrüben uns bei ihrem Unglück blosdurch die Macht der Sympathie. Nichts, was fie be-trifft, bleibt uns gleichgültig; und da diefe Ueber-einftimmung der Empfindungen die natürliche Be-gleitung der Liebe ift, fo ift es fehr begreiflich, wiediefe Leidenfchaft fo leicht hierdurch erzeugt wird.

Zehn-