Ueber die menfchliche Natur.
noch geringer wäre, als er wirklich ift, und biswei-len fogar als die entgegengefetzte Befchaffenheit.Ein leichter Schmerz, der auf einen heftigen folgt,fcheint gar nichts zu feyn, oder wird wohl gar zumVergnügen; fo wie umgekehrt ein heftiger Schmerz,der auf einen kleinen folgt, doppelt angreifend undunangenehm ift.
Diefes kann in Anfehung unfrer Leidenfchaf-ten und Empfindungen niemand bezweifeln. Aberin Anfehung unfrer Begriffe und Objekte könneneinige Schwierigkeiten entftehen. Wenn ein Objektdein Auge oder der Einbildungskraft, wegen einerVergleichung mit andern gröffer oder kleiner er-fcheint, fo bleibt das Bild und der Begriff des Objektsdoch immer cliefelben,und find auf der Netzhautund in dem Gehirn oder dem Organe der Wahrneh-mung gleich ausgedehnt. Die Augen brechen dieLichtftrahlen eben fo, und die Sehenerven führendie Bilder gerade fo ins Gehirn, es mag ein grofsesoder kleines Objekt vorhergegangen feyn ; und felbftdieEinbildungskraft ändert das Maafs ihrer Objektewegen einer Vergleichung mit andern nicht. DieFrage ift alfo, wie wir von einer und eben derfelbi-gen Impreffion, von einem updeben demfelben Begrifffo verfchieclene Urtheile über einerlei Objekt fällen,und zu einer Zeit feine Gröfse bewundern, zur an-dern feine Kleinheit verachten können. Diefe Ver-fchiedenheit in unfern Urtheilen mufs zuverläffig voneiner Verfchiedenheit in der Wahrnehmung herrüh-ren; aber da die Verfchiedenheit nicht in der un-
mittel-