Von dem Stolze und der Demnth. 93
Gefchlecht entdeckt wird. Die Eitelkeit und dieNacheiferung der Nachtigall im Singen hat manfchon längft bemerkt; eben fo wie die Eiferfuchtder Pferde in der Schnelligkeit, der Hunde in demSpüren und Riechen, der Ochfen und Hähne imKampf, und eines jeden Thieres in der Eigenfchaft,worin es einen grofsen Vorzug hat. Hiernächft be-denke man noch, dafs jede Art von Gefchöpfen, dielieh fo oft dem Menfchen nähern, gleichfam als woll-ten lie lieh mit ihm familiarifiren, einen offenbarenStolz in ihren Beifall fetzen, und an ihren Lobfprü-chen und Kareffen, unabhängig von jeder andernBetrachtung, ein Vergnügen finden. Auch find fienicht auf die Kareffen eines jeden ohne Unterfchied,ftolz oder eitel, fondern vornehmlich auf folche,die von Perfor.en kommen, welche fie kennen undlieben; gerade fo wie diefe Leidenfchaft bei demMenfchen erweckt wird. Alles diefes find deut-liche Beweife, dafs Stolz und Demuth nicht blosmenfchliche Leidenfchaften find, fondern dafs fiefich über die ganze thierifche Schöpfung erftrecken.
Von den Urfachen diefer Leidenfchaftenfind gleichfalls in den Thieren viele diefelben, wel-che es in uns find, jedoch machen diejenigen, wel-che von unfrer obefn Erkenntnifskraft und demVerftande herkommen, eine gerechte Ausnahme.So haben Thiere wenig oder keinen Sinn für Tu-gend oder Lafter; fie verliehren fchnell die Bluts--verwandtfehaften aus dem Geflehte; und kennendas Verhältnifs von Recht und Eigenthum nicht;
deshalb