Druckschrift 
2 (1791) Ueber die Leidenschaften
Entstehung
Seite
87
Einzelbild herunterladen
 

Von dem Stolze und der Demutli, 87

Zweitens können wir folgern, dafs zurSympathie Verhältniffe nöthig find, nicht abfoluteals Verhältniffe betrachtet, fondern ihrem Einfluffenach, wodurch fie unfre Begriffe von den Mei-nungen anderer in wirkliche Meinungen vermittelftder Affociatäon zwifchen dem Begriffe der andern Per-fonen und unfern eignen verwandeln. Denn in demobigen Falle bleiben beide Verhältniffe, fowohl das derVerwandtfchaft, als das des Orts; aber da fie nichtmehr in einerlei Perfonen vereiniget find, fo haben fieauf die Sympathie keinen fo grofsen Einflufs mehr.

Dr ittens ift diefer Umftand, dafs die Sym-pathie durch die Trennung der Verhältniffe fehrvermindert wird, unferer ganzen Aufmerkfamkeitwerth. Man fetze, ich lebe in Armuth unter Frem-den, und werde folglich auch geringfchätzig von ih-nen behandelt; fo befinde ich mich doch in dieferLage weit beffer, als wenn ich jeden Tag der Ver-achtung meiner Verwandten und Landsleute ausge-fetzt wäre. Hier fühle ich eine doppelte Verach-tung; von meinen Verwandten, aber fie find abwe-fend; von denen, die um mich find, aber es findFremde. Diefe doppelte Verachtung wird durchdas zwiefache Verhältnis der Verwandtfchaft unddes Orts zwar auch verftärkt. Aber da die Perfonennicht diefelben find, die mit mir durch diefe zwei Ver-hältniffe verknüpft find, fo trennt diefer Unterfchiedder Begriffe die Impreffionen, die aus der Verach-tung entfpringen, und hindert fie , dafs fie nicht ineinander fliefsen. Die Verachtung meiner Nach-barn