42 Ueber die liienfchliche Natur*
haben, mögen fich vielleicht hier verwundern undden Kopf fchiitteln, wenn fie mich von einer Tu-gend reden hören, die Stolz erzeugt, da fie denStolz für ein Lafter halten ; und von dem Lafter alseinem Dinge, das Deinuth hervorbringt, welcheman fie für eine Tugend zu halten gelehrt hat. Al-lein um nicht über Worte zu ftreiten, fo erkläreich hier ein für allemal, dafs ich unter dem Stolzediejenige angenehme Impreffion verftehe, welche inder Seele entfteht, wenn das Anfchauen unfererTugend, Schönheit, Reichthümer oder Macht, unsmit uns felbft zufrieden macht; und dafs ich unterder Deniuth die entgegengefetzte Impreffion ver-ftanden wiffen will. Es ift einleuchtend, dafs dieerftere Impreffion fo wenig durchgehends lafterhaft,als die letztere tugendhaft ift. Die ftrengfte Mora-lität verftattet, fich dem Vergnügen bei der Betrach-tung einer grofsmüthigen Handlung zu überlaffen;und niemand hält es für eine Tugend, wenn manfruchtlofe Gewiffensbiffe empfindet, wenn man fichan vergangene fchlechte oder niederträchtige Strei-che erinnert. Lafst uns alfo diefe Impreffionen anund für fich betrachtet unterfuchen, und ohne unsjetzt um ihren fittlichen Werth oder Unwerth zu be-kümmern, ihren Urfachen nachforfchen, fie mögenin der Seele oder im Körper liegen.
Achter