Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
1073
Einzelbild herunterladen
 

1073

Gewöhnung.

Gewöhnung. Aus öfter wiederholten Thätigkeiten von gleicher Art erzeugen sichZustände in den Gliedern, den äußeren Sinnen, im innern Sein, welche allmählichzu einer auch ohne Hinzutritt des bewußten Wollend wirkenden und treibenden Machtbei unsrem Thun werden. Es entsteht ein Habitus, worin das natürliche Wesen desMenschen seine besondere Prägung mit der Folge erhalten hat, daß. diese Form selbstwieder mit einer gcwißen Naturnothwendigkeit auftretend als die andere Natur er-scheint. Jene Thätigkeiten sind theils receptiver, theils activer Art. Was wir öftershören, sehen, was wir öfter ausüben, davon legen sich die Ein- und Abdrücke in denGrund unsres Lebens, und diese wirken gestaltend auf den Kreis der Vorstellungen wieder Trieb in unsrem Innern, so daß diese mit der Zeit zum unbewußten Eigenthumdes Menschen werden, gleichsam zu einem Capital, welches seine Zinsen entrichtet ohnedaß man nöthig hätte daran zu mahnen. Noch mehr , es giebt Arten von solchemHabitus, die nicht einmal erst im einzelnen Menschen neu anzubahnen sind, sondern sieerben sich fort von Generation zu Generation als Typen der Nationen, der Stammes-arten, der Familien, und was an diesen Typen durch Civilisation verfeinert wurde, dasgeht schon wieder theilweise als unbewußtes Vermögen auf das nachwachsende Geschlechtüber, gleichwie im Gegentheil verdorbene Sitten einer Zeit zugleich Frucht der Gegen-wart und Keime für die Zukunft enthalten. Das ist die Macht der Gewöhnung.Ein Beispiel aus der Musik möge zur Verdeutlichung dienen. Jener chinesische Gesandteam Hofe Ludwigs XV. erklärte auf Befragen als das schönste an der Oper, in welcheman ihn geführt, deren Anfang; man ließ daher die Ouvertüre noch einmal spielen,aber diese hatte er nicht gemeint sondern was ihr voraus gegangen sei: es war dasStimmen der Instrumente. Sein chinesisches Ohr fand also Befriedigung in demregellosen Tönen und Rauschen der Instrumente; bei uns kommt das Kind des ein-samsten Dorfes mit feiner organisirten Gehör auf die Welt. Ein anderes Beispiel:zu viel Noten"! sagte Joseph II. zu Mozart nach der ersten Aufführung der Zauber-flöte; welche Tonmassen und welche Klangfarben ertragen und verstehen die heutigenOhren! Es ist die Gewöhnung, welche die Sinne ausweitet, schärft, verfeinert, aller-dings auch unersättlich macht wie es der Gaumen eines Gourmands wird. Sollte dasinnere Gehör, sollte Sinn und Trieb im allgemeinen nicht ähnliche Erweiterungen,Verschärfungen u. s. w. erfahren durch fortgesetzte Uebung im Aufnehmen und im Thun,so daß was anfänglich mit Bewußtsein und directem Willen geschah, allmählich unbe-wußt geschieht, so daß, was zuerst eine besondere Anstrengung erforderte, jetzt wie vonselbst sich macht? Wäre dies nicht der Fall, und müßten wir bei jeder Bewegungeines Gliedes, bei jedem Gedankenlauf uns auf jeden einzelnen Schritt besinnen, wirkämen nicht weit, weder im Verstehen noch im Wirken. Was wir von Natur haben,ist ein ererbtes, was durch Gewöhnung, ist ein ersammeltes und aufgespartes Ver-mögen; von beidem lebt man, und jede neue Erwerbung wird erst dadurch eine ge-sicherte, daß sie jenem Grundstock anwächst.

Von selbst ergiebt sich hieraus der pädagogische Werth der Gewöhnung. DerKunstsinn ist zu wecken und zu üben durch Bild und Ton; je edler die Kunstgestaltenund je sprechender, desto fördernder ist, was sich von ihnen einprägt. Fratzen und un-natürliche Bildereien, geschweige unziemliche Nuditäten verderben schon im KindesalterAuge und Sinn; Schelmenlieder, frühzeitig in das Ohr gebracht, tönen oft bis in dasAlter fort zur Pein der ernster gewordenen Seele. Was man zu lernen hat anSprachen, an Kenntnissen jeder Art, es sinnen die Didaktiker immer wieder neueWege aus, wie sie solche Dinge an die Schüler hinbringen, wie sie dieselben dem Ver-stände zugänglich machen, aber sobald es sich von bleibendem Besitz und von den Fer-tigkeiten der Verwerthung handelt, so muß eben die gute alte deutsche Regel auf denPlan: Uebung macht den Meister, sammt ihrer lateinischen Schwester: rsxstitio sstwatsr 8t.uckioruiu, und solche Regeln gelten gewißlich nicht bloß vom Einmaleins. VielDoeircn und wenig üben macht den Lehrer müde und läßt den Schüler sitzen. Durch

Pädag. Encyklopädie. II. 2. Ausl. gg