Gewisse», Gewissenhaftigkeit.
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wesen, sondern die auch bei ihrem eigenen Handeln immer dessen eingedenk sind, daßes durchaus nicht einerlei sei, ob sie so oder so handeln. In diesen ist also jenes Bewußt-sein des sittlichen Grundgegensatzes ein stets waches und lebendiges; es ist aber nichtein theoretisches nur (wäre es das, wie es allerdings auch vorkommt, so hätte das Ge-wissen noch nichts damit zu schaffen, könnte daneben noch sehr unthätig seinl, sondernes ist begleitet von dem Gefühl, daß es ihnen etwas unerträgliches wäre, Böses gethanzu haben, also, weil sie diese Möglichkeit sehr wohl kennen, von der Furcht, es möchteihnen dies dennoch begegnen. Solch eine Art bei Kindern ist nie bloße Frucht derErziehung, sie liegt in einem zarteren Organismus, in feiner angelegtem Gefühl; aberdie Erziehung wird sehr wesentlichen Theil daran haben, ja sie muß daraus sorgsameinwirken, daß nicht entweder schädliche Einflüsse diesen Sinn abstumpfen, oder aberetwas verfehltes, namentlich bei Kindern schon eine moralische Altklugheit daraus ent-stehe, die weder natürlich ist, noch für wahrhafte sittliche Bildung Gutes verspricht. Einschönes, freilich etwas ideal gehaltenes Bild eines wachen Kindergewiffens und seinerErziehung giebt „Emmy Herbert" von Miß Sewell (eingeleitet von Schubert, Stuttg.1858); die 12jährige Tochter, ohne ihre kindliche Fröhlichkeit einzubüßen, besinnt sichbei eigenem und fremdem Handeln immer, ob es recht oder unrecht ist; sie fragt ihreMutter, sie merkt sich, was diese und andere ihr theure Personen in dem und jenemFalle gethan, wie sie geredet, gedacht, gefühlt haben; sie vergleicht ihr eigenes Thun,reflectirt über die Motive, und wenn sie etwas unlauteres darin entdeckt, so ist sie tief-gebeugt darob. Da darf der Erzieher nur freundlich die Hand bieten, das sittlicheUrtheil, worin sich dasjenige ausspricht und fixirt, was wir oben den sittlichen Sinnnannten, läutern und festigen, von den Sündenbekenntniffen das etwa Uebertriebene ab-lösen, zur Beseitigung des Wahren darin den positiven Weg zeigen und vor allem sichdes Kindes Herz eben so offen, wie seine Achtung und Liebe durch seine ganze Selbst-darstellung unerschütterlich fest erhalten. Wie jeder Rechtschaffene, ohne daß er ein Wortan das Gewissen der andern spricht, doch eine beständige Gewissensmahnung für seineUmgebung ist: so erhält in erhöhetem Maße des Erziehers eigene sittliche Gesammt-erscheinung das Gewissen des Zöglings wach. Die Grundlage dazu ist aber diese.Schon früh, selbst noch, ehe es reden kann, ist dem Kinde der Gegensatz von gut undböse etwas unmittelbar einleuchtendes. Was böse und gut ist, das weiß es aus sichselber noch nicht, aber daß das ein Dilemma ist, in dem es selber sich befindet, dasbegreift es; es ist der angeborne sittliche Sinn, der eben so sicher anspricht, wie dasKind auch für den Gegensatz des Schönen und Häßlichen (später erst für den desWahren und Unwahren) ein ganz unmittelbares Gemerk hat, auch wenn es noch vieles
Häßliche schön findet. Somit hat der Erzieher die doppelte Aufgabe: erstens diesen
Gegensatz, rein formell, in des Kindes Bewußtsein so unerschütterlich fest zu machen,daß er ihm nicht nur nie verloren geht, sondern durch all sein Denken durchschlägt, sodaß ihm unwillkürlich bei jeder menschlichen That die Kategorien gut oder böse vordie Seele treten. Dem sittlichen Indisierentismus kann nur dadurch gründlich vor-gebeugt werden, daß dem Kinde auf praktischem Wege sich der Satz ins allertiefste
Bewußtsein eingräbt: es giebt gar keine indifferenten Handlungen. Das im Detail zu
beweisen, ist natürlich nur bei gegebenem Anlaß am Platze; die feineren Beziehungen,die auch zwischen dem scheinbar Indifferenten (den sog. aäiapllora) und dem Sitten-gesetz bestehen, lassen sich dem Kinde nur bei einzelnen Fällen deutlich machen, währendes sie im allgemeinen nur ahnen kann; ebenso die verschiedenen Gesichtspuncte, vondenen aus sich oft eine und dieselbe Handlung betrachten läßt. Wenn Schillers Wallen-stein sagt: „Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort .... gleich heißt ihr allesschändlich oder würdig, bös oder gut," so ist das zwar ein Tadel, den das schnelleUrtheil verdienen kann, aber daß die Jugend in ihrem noch durch keine Diplomatieangesteckten Urtheil nur jene zwei Prädicate und kein drittes kennt, darin hat sie Recht,es fehlt ihr nur noch die erst durch Erfahrung zu erlangende Kunst, dieselbe auf jedenFall richtig anzuwenden. Darum aber ist die zweite Aufgabe des Erziehers diese, dem