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Gewisse», Gewissenhaftigkeit.
thümliche Aufgabe erfüllt das Gewissen auch jetzt, so viel an ihm ist, aber, getäuschtdurch ein falsches Signal, läßt es sich nun auch am Unrechten Orte vernehmen undschweigt infolge dessen gerade da, wo es rufen sollte. Allein dies ist doch nur mög-lich, wenn das Gewissen selber, unterschieden von Sinn und Trieb, nothgelitten hatunter dem das ganze Menschenwesen durchätzenden Einfluß der Sünde. Denn es istdes Menschen Gefühl von Anfang her schon so geschaffen, daß alles, was der sittlicheSinn als Böses erkennt oder wodurch dem sittlichen Triebe die Befriedigung versagtwird, ein Gefühl, eine schmerzliche Empfindung erregt, ebenso gewiß und unfehlbar, wieetwas die Sinne beleidigendes oder dem naturgemäßen Trieb feindselig entgegentretendesim gesammten Lebensgefühl schmerzlich empfunden wird. Kommt es also dazu, daßetwas böses nicht mehr Schmerz oder Angst erregt, dagegen diese Empfindung geradedurch Gutes oder Unschuldiges hervorgerufen wird, so ist das Gefühl selbst, also hierdas Gewissen, krankhaft gestört, es geht irre. (Hiezu haben gerade diejenigen, die ganzspeciell auf Gewissenssachen sich zu verstehen Vorgaben, die Casuisten, ihr Theil bei-getragen.) Jenen Nebeln zu begegnen, ist aber die göttliche Heilsoffenbarung, und nurdiese, vollkommen im Stande. Dadurch, daß in ihr ein klares Gesetz in festen Grund-zügen niedergelegt ist, hat das Gewissen einen untrüglichen Maßstab empfangen, andem es sich im allgemeinen wie im einzelnen richtig stellt und sich bildet, um nicht nur,wo Sinn und Trieb in Ordnung sind, eben so richtig in seiner Sphäre ihnen zu ent-sprechen, sondern selbst, wo jene unter beirrenden Einflüssen stehen, klar und fest zubleiben, — ähnlich, wie auch in anderen Beziehungen oft, wo Erkenntnis und Willefehl gehen oder unsicher sind, das Gefühl sich nicht beirren läßt. — Aber noch mehr:die göttliche Heilswahrheit und Lebenskraft ist nicht gebannt in den Buchstaben derSchrift; diese selber lehrt, daß ein heiliger Geist sei, der in alle Wahrheit leite, derda strafe und tröste. Hiezu nun dient ihm als menschliches Organ das Gewissen.Wie er den Trieb zum Gutesthun in volle Thätigkeit setzt (das Wort Röm. 8, 14dürfen wir auch umkehren: Wer Gottes Kind ist, den treibt der Geist Gottes); wieer das Herz zur Liebe entzündet (Röm. 5, S ist jedenfalls die active Seite der Liebemitzuverstehen), so ist auch er es, der (Eph. 4, 30) durch jede Sünde betrübt wird;sein Betrübtwerden aber und unsere Gewissensqual ist zwar nicht einerlei, aber eins.
Ist sich der Erzieher über des Gewissens pahres Wesen klar, so ergiebt sich ausdem Gesagten seine specielle Aufgabe sehr leicht. Sich selbst darf er des Kindes Ge-wissen nicht überlassen, in der Erwartung, es werde eben so sicher kommen, wie etwaseine Zähne; denn theils ist schon des Kindes Unmündigkeit die Ursache, warum auchdas Gewissen in ihm erst unmündig ist, also wie jede andere geistige Kraft erst zurMündigkeit erzogen werden muß; theils aber macht sich auch im Kinde jener das Ge-wissen selbst afficirende Einfluß der Sünde und ihrer Unwahrheit bemerklich, den wiroben beleuchtet haben. Auf das Gewissen muß erst gewirkt werden, damit es dereinstim reifen Menschen seine Macht ausübe; aber auch schon um überhaupt erziehen zukönnen, muß der Erzieher das Gewissen des Kindes wecken, damit er daran einenBundesgenossen hat, der auch, wo das Kind nicht unter seinen Augen ist, dasselbe vorSchlimmem bewahrt. Es ist, wie wir mit Waitz (a. a. O., S. 186) sagen, daserste unter den Mitteln der Regierung: »denn theils wird durch die Erweckung undSchärfung desselben eine vielseitige Lenksamkeit des Kindes am sichersten erreicht, theilswird die Ausbildung eines selbständigen sittlichen Charakters dadurch unmittelbar vor-bereitet, da das Gewissen den Willen keiner äußeren Macht, sondern nur der eigenenErkenntnis des Guten und Bösen zu unterwerfen verlangt."
Auch in diesem Puncte muß zuerst beobachtet werden, in welcher Form die Ge-wissensthätigkeit bei dem Kinde sich äußert. Es giebt nachdenkliche Kinder, denen derUnterschied von gut und böse schon früh ein Gegenstand tiefen Interesses ist, die dahernicht bloß über die ihnen im. Leben und in Geschichten vorkommenden sittlichen Er-scheinungen gerne Betrachtungen anstellen und Fragen machen, weil sie genau wissenmöchten, ob diese oder jene Handlung eine gute oder böse, erlaubt oder unrecht ge-