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Gewissen, Gewissenhaftigkeit.
wie die gesunde Frucht aus dem saftreichen Baume, erwächst, ohne daß es erst einerVermittelung aus dem beschriebenen Gewissenswege, erst eines Umwegs durch Negationder Negation bedürfte. Daher kann es kommen, daß, so hoch wir bei dem einmalfactischen sittlichen Zustande des Menschengeschlechts die Gewissenhaftigkeit stellen, so sehrsie an der Spitze der Tugenden ihren Platz einnimmt, dennoch zwischen ihr und derreinen, positiven Tugend noch ein Unterschied besteht, ja, daß sie auch gerade denMangel an dieser verrathen kann. Denn der Gewissenhafte, wenn das sittliche Lebenin ihm ausschließlich nur durchs Gewissen bestimmt ist, kann möglicherweise in eineAengstlichkeit und Scrupulosität gerathen, die ihn zu keinem raschen, entschlossenen,freudigen Handeln kommen läßt und ihn, auch wenn er gehandelt hat nach besten:Wissen und Gewissen, dennoch hernach abermals quält mit der Frage, ob er nicht dochUnrecht gethan? Bei Naturen dagegen, in denen der Wille kräftiger ist, wo die An-triebe zum Guten nicht bloß aus dem Gewissen, sondern direct aus dem sittlichenTriebe, aus der Liebe stammen, ist die Gewissenhaftigkeit nichts, als die constanteMethode, die Fertigkeit und feste Gewohnheit, bei allem Handeln sich erst zu versichern,wie sich das Gewissen dazu verhalte, an ihm gleichsam immer, in großen und kleinenDingen, erst die Probe zu machen und sofort beharrlich und rücksichtslos alles zu unter-lassen, dessen Ausübung, und alles zu thun, dessen Unterlassung eine Gewissenswundeverursachen würde. Dadurch, daß der Gewissenhafte diese Regel unausgesetzt befolgt,wird einerseits sein Gewissen so lebendig und kräftig, daß es aus jede Anfrage augen-blicklich klare und bestimmte Antwort giebt, und andererseits wird der Wille so geübtund daran gewöhnt, sich dem zu fügen, daß ein Zwiespalt zwischen Sollen und Wollenselten mehr fühlbar ist; der Gewissenhafte kann auf diesem Wege zu solch einer Sicher-heit und Klarheit im Wollen und Handeln gelangen, daß zwischen solcher Gewissen-haftigkeit und jenem idealen sittlichen lrsbitus, jenem reinen und steten Thun des Gutenaus Liebe kaum mehr ein Unterschied warnehmbar ist; wir können dies den durch dieSünde bedingten Umweg nennen, auf dem der Mensch an jenes Ziel gelangt, wiewohlimmer noch zwischen der so erlangten sittlichen Virtuosität und der reinen Tugend, wiewir sie in Christus als Wirklichkeit vor uns sehen, diejenige Differenz übrig bleibt,die auch auf anderen Gebieten, wie namentlich den künstlerischen, zwischen demjenigenfortbesteht, dessen Talent durch Fleiß erst auf eine bedeutende Höhe gehoben worden ist,und zwischen dem, der als ein Genius schafft und wirkt, ohne darum des Fleißes sichüberhoben zu achten. — Nehmen wir zu Obigem noch die Beziehung auf Gott hinzu,wie dies auf Grund der göttlichen Offenbarung geschehen muß, so ist Gewissenhaftigkeitdie in allem Handeln, auch in den einzelnsten geringfügigsten Dingen sich bethätigendeGottesfurcht, die sich zwar mit der Gottesliebe aufs innigste verbinden kann und soll,aber gleichwohl nicht mit ihr identisch ist.
Wir haben soeben die Gewissenhaftigkeit der Gewissenlosigkeit gegeuübergestellt.Die letztere zu bewirken, gelingt der Macht der Sünde in vielen Individuen nicht —glücklicherweise müßen wir sagen, es gelingt ihr in der Mehrzahl nicht —; dafürwird nun die Lüge angewendet, um das Gewissen irre zu machen, daß es den Men-schen abschreckt von solchem, was nicht Sünde ist, und dagegen ängstlich macht, etwaszu unterlassen, was objectiv unrecht ist, oder daß dem Gewissen nichts mehr gewiß ist,der Mensch sich also, weil er doch noch Gewissen hat, sich in permanenter Gewissens-not!) befindet. In diesem Fall ist, wenn wir schärfer znsehen, zunächst nicht das Ge-wissen selbst corrumpirt, sondern der sittliche Sinn ist getrübt und gefälscht (das Auge,Matth. 6, 22. 23 , ist nicht mehr einfältig) und der sittliche Trieb ist von seinenrechten Objecten ab- und auf falsche hingelenkt; indem nun daneben das Gefühl, alsder Sitz der Gewissensthätigkeit nach der oben unter Ziff. 3 bezeichneten Richtung der-selben, lebendig erhalten bleibt, ja durch allerlei Mittel gesteigert und sogar überreiztwird, so entsteht in ihm bei der Vorstellung von Dingen, die nicht Sünde sind, dieaber der sittliche Sinn dafür zu halten verleitet worden, ein Erbangen, wie es natur-gemäß nur entstehen soll, wenn sich wirkliches Unrecht darin reflectirt. Seine eigen-