1066 Gewissen, Gewissenhaftigkeit.
diese nur durch eine persönliche Selbstoffenbarung Gottes zu vernehmen, wie sie alsUroffenbarung am Anfang der Geschichte schon eintritt und von dort aus als eine imHeidenthum nur bis zur Unkenntlichkeit getrübte Tradition dem Glauben der Völkergegenwärtig geblieben ist. Jene Frage, die sich an die Warnehmung der so eigen-thümlichen Gewissensthätigkeit knüpft, ist somit parallel der Frage, die derselbe er-kennende und forschende Geist an die Warnehmung des Weltalls knüpft: woher dasalles? Aber wie diese Frage nicht mit der zwingenden Evidenz eines mathematischenBeweises jeden auf die Gotteserkenntnis führt (— „nur durch den Glauben merkenwir, daß die Welt durch Gottes Wort fertig ist^ Hebr. 1t, 3., zu diesem Glaubenaber gehört guter Wille, darum ist der Glaube nicht jedermanns Ding, 2. Thess. 3, 2)so führt auch jene Frage, woher doch die Gewalt des Gewissens komme? nicht mitZwang zur Anerkennung Gottes; wer das Wort des sich lebendig offenbarenden Gottesnicht annehmen will, der kann, wie der Materialist bei irgend einer ersten Ursache,einein Urbrei, aus dem alles entstanden sein soll, so auch, um das Phänomen des Ge-wissens zu erklären, dabei stehen bleiben, das sei bloß der Widerspruch, in den sich derMensch durch Bösesthun mit seiner eigenen Natur setze; fühle er dabei eine eigentüm-liche Angst, so sei das bloß Folge superstitiöser Vorurtheile. Wer aber mit solch elen-der Weisheit sich nicht zufrieden geben kann, wen der wahrheitsdurstige Geist und dastrostsuchende Herz willig inacht, die geschichtliche Kunde von einer SelbstoffenbarungGottes dankbar anzunehmen, und wer nun den einander stufenweise folgenden Momen-ten dieser Offenbarung folgt: der hat daran einmal die Lösung jenes Räthsels in Be-treff der wundersamen Macht des Gewissens; der weiß jetzt, warum ihn dasselbe nichtlosläßt, warum ihm jede Sünde so bange macht, — er weiß: meine Schuld ist eineSchuld gegen die heilige Majestät Gottes, mein Bangen ist die Angst vor dem gerech-ten unbestechlichen Richter. Sodann wird durch die Kunde von einem lebendigenheiligen Gott, der sich aber zugleich auch als den gnädigen, erbarmungsreichen offen-bart, dem Gewissen gezeigt, vor wem es sich durchs Bekenntnis zu entlasten habe, beiwem Vergebung zu finden sei, wer also auch allein das Gewissen stillen, der SeeleFrieden geben könne. So wird das Gewissen eine Macht, die den Sünder zumgläubigen Ergreifen der vergebenden Gnade, die ihn zum Kreuze Christi hintreibt.Da erst wird im vollen evangelischen Sinn das Gewissen ein gutes, vgl. I Petri 3, 21.Endlich aber wirkt die Erkenntnis Gottes aus seiner persönlichen Offenbarung aufsGewissen selber mächtig zurück; sein inneres Strafen wird um so intensiver, seine Be-harrlichkeit im Anklagen um so unerschütterlicher, nachdem ich weiß, wer derjenige ist,vor dem ich mich gefürchtet habe, ehe ich noch von ihm wußte. Es wird, wie dieganze sittliche Haushaltung in meinem Geiste, so auch das Gewissen erst durch jeneGottesoffenbarung sich selber klar, es wird seiner Sache gewiß und gesichert vorVerirrungen.
Das führt uns noch auf Folgendes. Wie die Sünde erst die Gewissensfunctionim sittlichen Wesen des Menschen ins Leben gerufen hat, so vermag sie auch diese Re-action zu schwächen, sie in ihrer Wirkung zu hemmen oder irre zu leiten. Es kannin einem Individuum die böse Lust durch Zustimmung des Willens so überhandnehmen,daß der sittliche Trieb allmählich erlahmt; die Nichtbefriedigung desselben, die im An-fang eben jene Reactivn hervorrief, wird, wenn sie beharrlich sich fortsetzt, diese müdemachen und zuletzt zum Schweigen bringen; das Gedächtnis, die gesammte Einbildungs-kraft wird durch andere angenehmere Dinge so vollauf beschäftigt, daß die Erinnerungan gethanes Böses nicht mehr aufkommen kann, und wenn auch einmal solch einSchatten aus dem Grabe der Vergangenheit aufsteigt, so ist das Gesammtgefühl durchjenen Fleischesdienst so abgestumpft, daß kein Erschrecken, kein Unbehagen mehr dadurcherzeugt wird. Dann ist der Mensch zu allem fähig — er ist gewissenlos. Der Gegen-satz hiezu ist — um dies hier gleich einzufügen — die Gewissenhaftigkeit. Sie unter-scheidet sich von dem idealen, sittlichen Zustande, den wir oben als den normalen ge-schildert haben, dadurch, daß in letzterem das Gute unmittelbar aus dem reinen Trieb,