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Gewissen, Gewissenhaftigkeit.
die Unterlassung des einen, die Begehung des andern verursacht. Gebrannte Kinderfürchten das Feuer; habe ich einmal die Qual erlebt, die mir eine Lüge, ein bösesWort u. s. f. zurückgelassen hat, so weiß ich, was ich vorher mir nie so gedacht hatte,daß das eine Sünde ist. Auf diesem Wege, aber auch nur auf diesem, wirkt das Ge-wissen auf die Erkenntnis, d. h. gesetzgebend. — Wenn aber, was das zweite betrifft,auch von einem guten Gewissen gesprochen wird, so kann von einem Lohne, der dasCorrelat der Strafe im Gewissen wäre, in Wahrheit nicht die Rede sein, so wenig alsirgend ein Gerichtshof diejenigen belohnt, die er nicht verurtheilen muß oder die garnicht angeklagt sind; wir haben oben gesehen, wie es sich mit der Erinnerung an dasGute, was wir gethan, was wir an uns haben, verhält. Allein auch ein Apostel kannsagen, sein Ruhm sei das Zeugnis seines guten Gewissens <2. Kor. 1,12. Ap. G- 24, 16.Hebr. 13, 18.) Indessen ist doch ebenso klar, daß solch eine Appellation immer nurdann eintritt, wenn ungerechte Anklagen vorausgegangen sind. Dann. allerdings habeich das Recht, zu bezeugen, daß mein Gewissen mir in der speciellen Beziehung, inwelcher ich angeschuldigt werde, durchaus nichts vorhält, daß also mein Selbstbewußt-sein eine solche Sünde nicht als die meinige mir in Erinnerung bringt, ich mir imGegentheil bestimmt bewußt bin, sie nicht begangen zu haben. Das gute Gewissen istsonach etwas negatives; es bezeichnet die Abwesenheit jenes Momentes, das wir obenunter Ziff. 2 im Begriff des Gewissens aufgezeigt haben; mein Bewußtsein schließt diefragliche That, die von mir prädicirt werden will, nicht mit meiner Person zusammen,identifieirt sie nicht mit mir. Darüber, was positiv an nur ist, sagt das gute Ge-wissen eigentlich nichts aus. Wie wenig damit in jener Allgemeinheit, wie es derPelagianismus thut, die eigene Fleckenlosigkeit behauptet werden will, drückt Paulus1 Kor. 4, 4 in den Worten aus: »ich bin mir wohl nichts bewußt, aber darin binich nicht gerechtfertigt."
Wir haben bis hieher absichtlich von jeder Beziehung des Gewissens auf GottUmgang genommen, denn wie wir seither nirgends mit Nothwendigkeit darauf geführtwurden, so ist es auch Thatsache, daß wir Gewissen und Gewissenhaftigkeit bei Menschenfinden, die, wenn auch nicht Atheisten, doch Leute von sehr wenig entwickeltem religiöseinSinn nnd Leben sind. Ist das auch, wie wir natürlich zugeben, nichts als eine immerhinlöbliche praktische Jnconsequenz, so ist doch jedenfalls mit der Thätigkeit des Gewissensnoch nicht auch das Bewußtsein Gottes gegeben, nicht schon der Name Gottes im Be-wußtsein mitgesetzt; das Gewissen ist nicht an sich schon Bewußtsein der HeiligkeitGottes, religiöses Selbstbewußtsein, wie es von mehreren neueren Ethikern gefaßt wird-Will man mit Rothe sagen, das Gewissen sei sinnlich empfindbare Thätigkeit Gottesim Menschen, so ist daran zwar vollkommen richtig, daß es Thätigkeit Gottes ist, wieund weil überhaupt alles Sittliche ein Thun, ein Wirken Gottes im Menschen ist(Phil. 2, 13. Hebr. 13, 21); aber daß Gott der Wirkende ist, das ist nicht einTheil des im Gewissen ausgehenden Bewußtseins selber, sondern das ist der dunkleHintergrund, der zwar substantiell und objectiv in jeder Gewissensthätigkeit vorhandenist, der aber erst durch ein von positiver göttlicher Offenbarung her ins Innere fallen-des Licht zu einem Moment des Bewußtseins selber erhoben, im Gewissen ein Gegen-stand des Wissens wird. Derjenige nämlich, in dem das Gewissen arbeitet, dem esunaufhörlich vorhält, was er doch immer gern vergessen möchte, und den immer das-selbe Bangen erfaßt, so oft er an seine, von anderen vielleicht längst vergessene oder garnie wargenommene Sünde erinnert wird, — er muß sich fragen: was machts doch,daß ich diese Erinnerung schlechterdings nicht loswerden kann? und woher kommtsdoch, daß, auch wenn niemand mein Vergehen kennt, wenn ich nicht das Geringste zubefürchten habe, mir dennoch so bange darob ist, daß ich mich geschlagen, gerichtetfühle? Auf diese Frage, die aber nicht das Gewissen selbst, sondern im Blick auf dieThatsache des Gewissens der erkennende Geist stellt, giebt auch nicht das Gewissen dieAntwort — es ist ja, wie wir sahen, nur das Jnnewerden unseres eigenen Zustandes—, sondern, wenn darauf die Antwort folgt: es ist ein Gott! so bekommt der Mensch