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Gewissen, Gewissenhaftigkeit.
frieden, viel zu schwach, viel zu wenig positiv; »er wird selig sein in seiner That*sagt viel bündiger Jacobus 1, 25. — Anders aber gestaltet sich die Sache mit demEintritt der Sünde, mit dem Verflochtensein des Individuums in ein sündiges Ge-sammtleben. Wir müßen zuerst den Fall ins Auge fassen, daß ein vorher unschuldigerMensch gesündigt hat. Durch solche That ist der sittliche Trieb nicht nur nicht be-friedigt, sondern in dem einzelnen Factum ist seinem Princip eine Wunde geschlagen,er ist in seinem Rechte negirt. Wie jede Verwundung eine Reaetion hervorruft unddiese Reaetion des noch gesunden Lebens gegen die Verletzung, die der ganze Organis-mus empfangen hat, eben der Schmerz ist, den wir empfinden: so reagirt der sittlicheTrieb gegen die That, die doch als geschehen nicht ungeschehen gemacht werden kann.Durch Nachholen, durch Unterlassen der Sünde bei wiederholter äußerer Gelegenheitdazu, wird das Vollbrachte nicht beseitigt; es von sich abschütteln, als gienge es den
Thäter gar nichts mehr an, als wäre dieser ein ganz anderes Ich, — es einfach sich
aus dem Sinne schlagen, es vergessen, das kann wieder niemand; es ist etwas da, wasuns beständig daran als an unsere eigene That, als an einen auf unserer Rechnungstehenden Posten erinnert, der bezahlt sein will, und den wir doch schlechterdings nichtbezahlen können: das alles zusammen nun bewirkt einen Zustand innerer Unruhe, einesBangens, wodurch das gesammte Lebensgefühl ein unseliges wird. Das ist nun dasPhänomen, in welchem sich das Gewissen manifestirt, und wir werden dem Obigen ge-mäß sagen, es sei dasselbe 1. die energische Reaetion des sittlichen Triebes gegen dieSünde, die ihn unterdrückt, die ihn verletzt hat; 2. nicht nur das Bewußtsein, daß die
That, und zwar als meine That, vollbracht ist, und ich sie nicht mehr von mir, von
meiner Persönlichkeit und den meinen Werth bestimmenden Prädicaten losschälen kann(also der einfache Act der Zurechnung), sondern die fortwährende Richtung des Ge-dächtnisses, die beharrliche Fixirung des Selbstbewußtseins auf diese That, so daß dersittliche Sinn fortwährend diese That und ihre Häßlichkeit anschauen muß, auch wennder Wille, der sie verschuldet hat, immer wieder die Gedanken davon ablenken möchte,und 3. der Reflex dieses Zerwürfnisses im tiefsten Lebensgefühl; der Sünder bekommtes zu empfinden, daß die Sünde ihm in Wahrheit ans Leben geht, Gewissensangst istTodesangst. — Wenn aber dies die Function ist, in welcher die sittliche Kraft undNatur des Menschen sich als Gewissen constituirt: so wirkt dieselbe, nachdem einmaldie Sünde als Zustand in der Menschheit vorhanden und jeder von derselben inficirtist, noch weiter zurück; das Gewissen kommt, ohne darum seinen innern Zusammenhangmit der Sünde aufzugeben, auch da schon zum Vorschein, wo diese noch nicht zur ein-zelnen wirklichen That geworden, sondern nur erst allgemeine und individuelle Möglich-keit ist. Der Gegensatz von Gutem und Bösem ist einmal da, er ist auch für mich,ja in mir da. Würde ich nun handeln, als ob er nicht da wäre, als ob ich jedenAugenblick nur den Antrieben folgen dürfte, die ich in mir empfinde, so würde ich da-mit verrathen, daß ich entweder vom Dasein der Sünde gar nichts weiß oder mir derGegensatz von gut und böse gleichgültig ist. Besinne ich mich aber, ehe ich handle, obes auch recht ist, was ich vorhabe, und lasse ich hiedurch mich erst zum Handeln oderNichthandeln bestimmen: dann zeige ich, daß ich ein Gewissen habe; in dieser Functionist also das Gewissen darin zu erkennen, daß schon die Vorstellung der nur erst möglichenHandlung, wofern diese vom sittlichen Sinne als eine böse erkannt wird (was zunächstganz ebenso auch bei derselben Handlung der Fall wäre, die ein Fremder begienge,was also an und für sich noch keine specifische Gewissensthätigkeit ist) — in meinemGefühle schon denselben Reflex bewirkt, den wir vorhin als Wirkung der vollbrachtenThat vorgefunden haben. Es ist also auch dieses sogenannte vorausgehende Gewissendoch eigentlich ein nachfolgendes; ihm geht die Vorstellung der That voran (wie wärswenn ichs thäte?), sie erfüllt mich aber, auch als bloß vorgestellte, schon ebenso mitBangen, wie mich ein nur vorgestelltes Unglück — ja selbst eins, vor dem ich bereitsvollkommen gesichert bin und das ich mir erst nachträglich als ein möglich gewesenesdenke, — mit Grausen erfüllt. In diesem Falle aber liegt es noch ganz in meiner