1044 Gespielen. Gewähren und Versagen.
Strafe. Kleinere Knaben und Mädchen spielen gern zusammen; diese suchen in jenengern einen Halt und schätzen sich's zur Ehre, wenn der stärkere Knabe ihnen Auf-merksamkeit schenkt, während sie andrerseits auch gern den: jüngeren Knaben sich hülf-reich erweisen und liebreich für ihn sorgen. Später tritt von selber eine Absonderungund Entfremdung der Geschlechter ein und jedes hält sich am liebsten zum eigenen.
A. W. Grube.
Gestaltnngstrieb, s. Phantasie.
Gewähren und Versagen setzen voraus, daß Persönlichkeiten da sind, welchevon Gott und Rechtswegen die Macht und Stellung dazu haben. Die Worte erinnernden Menschen daran, daß eine Macht über ihm ist, die gewähren und versagen kann,den Christen, daß diese Macht die unendliche Weisheit und Liebe ist. Dem Kindegegenüber haben die Eltern heilige Liebe und Weisheit zu üben. Weil sie sich selbst dergöttlichen Liebe unterworfen wissen, muß ihre und aller derer, welche am Erziehungs-werke mit ihnen und für sie thätig sind, erziehende Auctorität und Wirksamkeit sich auchdarin zeigen, daß sie zu gewähren und zu versagen wissen.
In den ersten Jahren des Kindes, in welchen die körperliche Pflege am meistenHandarbeit nöthig macht, muß schon gewährt und versagt werden. Ein Kind, dasdurch Schreien etwas erzwingen will, darf es nicht erhalten, und auch das an sichZweckmäßige erst, wenn es sich gefaßt hat und zum ruhigen Verhalten zurückgekehrt ist(s. d. Art. Weinen). Was das Kind erlaubtes in rechter Weise begehrt, werde ihmfreundlich und gern bewilligt. Schreit ein Säugling, weil er dürstet, so wird ihn dieMutter stillen. Ist er satt und durch die Amme oder andere daran gewöhnt, beimAufwachen aus der Wiege genommen zu werden, so wird das Aufnehmen zu versagensein, damit das Herumtragen auf das rechte Maß reducirt werde. . Für Kinder in denersten Jahren empfiehlt sich zur Beseitigung ungestümen Begehrens als Mittel, die Sinneauf etwas anderes zu lenken (Palmer, ev. Päd. 1853. S. 227 und 228). Möglichstfrüh werde ans Bitten gewöhnt als an die Bedingung jeglicher Gewährung; das hilftden kleinen Hochmuth und den trotzigen Eigenwillen brechen und Demuth und Ge-horsam Pflegen. Bei Kindern, die gehen und sich mit Spielzeug unterhalten können,fehlen Eltern häufig darin, daß sie viele Spielsachen auf einmal herbei holen; das er-zeugt unsteten Sinn. Man muß die Kinder anhalten, sich längere Zeit mit einemSpielzeug, z. B. der Kugel, zu beschäftigen, wird ihnen später etwas zum Betrachtenholen, aber die Menge zu gleicher Zeit versagen. Bei Darreichung der Nahrungwird sich's zeigen, daß ein Kind die und jene,Speise lieber hat, als andre. Es giebtsolche, die den ganzen Tag mit Brod abzuspeisen wären, und doch wäre, abgesehen vonWürmeranhäufung, nichts verkehrter als dies; es muß versagt, ist's noth, aucheine Essenszeit übergangen werden, bis der Hunger als bester Koch die sonst verschmähteSuppe gut findet (Raumer: Erziehung der Mädchen V. 11. 59). Dasselbe gilt vonder Kleidung. Weil das leidige Geschwätz über schöne Kleider oft in Gegenwart derKinder und von Schulkindern geführt wird, mag sich insbesondere bei Mädchen dasVerlangen nach dem Sonntagskleide, dem bessern Hute, der weißen Schürze öfter ein-stellen, als die Mutter für gut finden darf. Geht das Kind mit Vater oder Mutteraus oder über Feld, wenn es fleißig und gehorsam, warum soll des Töchterleins Bitteum jene Dinge nicht gewährt werden? Wie sich aber das Töchterlein selbst Meinungenbildet, zu dem und jenem Gange sei das bessere Kleidungsstück durchaus nothwendig,weil des Nachbars Tochter auch geputzt gehe, — so ist das zu versagen und daraufzu halten, daß Kinder das anziehen, was die Mutter befiehlt; dabei darf aber bei denEltern selbst die Einfachheit in der Tracht nicht fehlen und die Kleidung der Kinder mitdem Luxus der Eltern nicht in Widerspruch stehen.
Tagtäglich wird in jedem Haushalte viel gewährt und versagt. Erfüllt ein Kindseine Pflichten gegen Eltern und Lehrer, warum soll ihm ein besonderer Wunsch nichtgewährt werden? Aber ja nicht alle Wünsche oder jeden Wunsch augenblicklich ge-währen! Der Wille muß geübt werden durch Wartenlernen, durch das Bestreben,