Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
831
Einzelbild herunterladen
 

83 !

Gelehrtenschulwescu.

und klar ins Auge gefaßt, da inan bald dem einen, bald dem andern vorzugsweisefolgte; bei der Gründung von Schulen war es der letztere, der religiöse oder kirchliche,den man gleichsam um sie zu weihen voranstellte; in der Praxis aber war es vielfach dercrstere, über dem man den andern vergaß. Man gab ausdrücklich als Grund zurStiftung von Schulen außer der allgemeinen Bestimmung für eine bürgerliche Bildungden besonderen Zweck für Bewahrung und Befestigung der neuen Lehre an; ja derschmalkaldische Bund hatte sich im März 1537 ausdrücklich anheischig gemacht, für dieVerbesserung alter und die Anlegung neuer Schulen zu sorgen. Hierneben stehen diekräftigen Zeugnisse der Reformatoren selbst, wie wir sie von Luther in seiner Schriftan den christlichen Adel deutscher Nation, 1520, und an die Bürgermeister und Raths-herren aller Städte deutschen Landes, daß sie christliche Schulen aufrichten und haltensollen, 1524 (mit Auslassungen in Räumers Gesch. d. Päd. I, 150 ff.), und vonMelanchthon in seiner Schrift „an ein erbare Stadt, von Anrichtung der lateinischenSchuel, nützlich zu lesen," 1543, aufzuwciscn haben. — Vgl. Schubart, PH. Melanch-thons Humanismus, in der Pädag. Revue 1853. S. 336 ff.

Der von den beiden Reformatoren aufgestellte Lehrplan, der zu wiederholtenMalen, 1525, 1528, 1530 und 1538, bearbeitet und am vollständigsten in der säch-sischen Kirchenordnung von 1580 aufgestellt ward, verlangte, daß in den lateinischenSchulen Lesen, Schreiben, Singen (Musiki, Latein nebst Metrik und Grammatik, Dia-lektik und Rhetorik, und Religion (neben dem Katechismus wenigstens in den oberenClassen noch eine suoru lootio) getrieben werden sollte. Eingetheilt wurden damalsdie Schulen in 3 Haufen oder Classen, namentlich in Sachsen, Hessen, der Pfalz,Schleswig-Holstein u. a. (s. Ruhkopf S. 334; auch Funkhänel, Beiträge z. Gesch. derEisenacher Schule, I-, Progr. von 1844, S. 22 ff.); diese Eintheilung blieb in vielenGegenden sogar bis in das 19. Jahrhundert hinein, gleichwie noch jetzt in manchenStadt- oder lateinischen Schulen Kurhessens und Württembergs. Die Verkeilung desUnterrichtsstoffs war diese, daß der erste Haufen (Classe) Lesen und Vocabeln ineinem Handbüchlein, später im Donat und in Cato's Sentenzen lernte, der zweitein der Religion, Grammatik, Prosodie, Musik unterwiesen wurde, so wie Aesopus(6awsrs.rio intsrxrsts), Llossllam UaeckoloZig., Osoiä. bllusou oolloguiu, Terenz, Plautus,und außerdem auch die Urkunden der heil. Schrift las, der dritte aber Virgil, OvidsMetamorphosen, Cicero's oküoiu und opistolus all kumiliarss übersetzte, in der Metrik,Dialektik und Rhetorik unterwiesen wurde und sich im Lateiusprechen so viel als mög-lich übte; nächstdem sollte der zweite und dritte Haufen wöchentlich eine schriftliche la-teinische Arbeit, eine Epistel oder einige Verse abfassen. Jeder Lehrer besorgte eineClasse, der zweite Collaborator oder Cantor hatte zugleich für die Musik zu sorgen.Der Unterricht dauerte 5—6 Stunden täglich, nämlich früh von 5 oder 6 bis 9 Uhrund Mittags von 12—3; die Hauptlectionen, zu denen namentlich die Grammatik ge-hörte, waren des Vormittags, die Nebenlectionen, insbesondere die Musik, Nachmittags.Außerdem mußten die Schüler noch Sonntags und an zwei Wochentagen der Kate-chismuslehre beiwohnen. Mit großem Nachdrucke wurde auf vieles Repetiren gedrungen.Die Anstrengung des Sitzens in der Schule, oft 4 Stunden in ununterbrochener Folge,wurde schon damals ein Gegenstand ernster Klage. Die zum Singchor gehörigenSchüler (ourreuäarii, auch Partemschüler genannt) wurden, nach einer schon ausdem 13. Jahrhunderte stammenden Einrichtung, vorzugsweise im Gesänge unterwiesen,mußten aber dafür in den Kirchen lateinische oder deutsche Psalmen und Lieder singen,auch wohl das Evangelium vorlesen, und erwarben sich der damaligen Sitte gemäßunter dem Geleite sämmtlicher Lehrer durch Umsingen vor den Häusern reicher Bürger,namentlich von Christtag an bis Neujahr, ihren Unterhalt. Der Singchor war anmanchen Orten ziemlich zahlreich; im Jahre 1653 bestand er z. B. zu Cassel aus34 Schülern sämmtlicher Classen. Vgl. auch Eggers, Gesch. der ehemaligen großenlat. Schule in Altona. Alt. 1831. S. 7 s.

Von den gewöhnlichen Stadtschulen, deren Lehrstoff einzig im Lesen und