814 Gehorsam. Geistliche als Seelsorger iu Bezug auf die Erziehung.
gebärdet, desto weniger verdient er Belehrung, die dann besser nachfolgt, um entwederdas Gefühl, es sei mit Recht eingegriffen worden, zur Einsicht zu erheben, oder diedurch Schaden gewonnene Klugheit zu verstärken. In solchen Fällen wirken Gründe,nachträglich angegeben, dem künftigen Gehorsam vor. Wäre es die Aufgabe des Er-ziehers, seinen Zögling zur blinden Maschine zu machen, so müßte er alle Ueberzeugungvor und hernach ferne halten; aber da beide mit einander unter Einein höheren Willenstehen, und da der Zögling durch Unterordnung unter den Willen des Erziehers zurEinordnung in die Gesetze des beide umfassenden sittlichen Gemeinwesens und zur Frei-heit heranwächst, so muß die Lenkung seines Willens mehr und mehr seine eigene Ein-sicht mit in Anspruch nehmen, sein Gehorchen darf und soll zugleich ein Horchen ausdie Stiinme werden, die ihren Ausgang über dem Erzieher und in ihm nur ihrenDurchgang hat. Hieraus folgt auch, daß wahre Aufklärung der Einsichten niemalsder Pietät hinderlich werden kann (s. Mende, S. 8). Wer freilich nur da gehorchenwill, wo er überzeugt ist, der ist ungehorsam, er inacht aber in der That seineeigene Ueberzeugung nicht zum Grund des Gehorsams, sondern zum Vorwand desUngehorsams.
Man fragt ferner, wie es anzugreifen, daß nicht durch die Strenge der Zucht dieindividuelle Entwicklung gehindert und das Gemüth verbogen werde. In unserer Zeiteine beinahe überflüssige Frage; wir laboriren eher an Fülle des Individualismus (vgl.Wiese, S. 46). — Zunächst sorgt die Vorsehung selbst, indem sie in das Herz derEltern Liebe und Hoffnung und in das Kindesgemüth ein Unnahbares legt; aber dieErziehung hat sich allerdings zu hüten, nicht mit allzuvielem Befehlen bis ins kleinstehinein die freie Bewegung zu hemmen, noch nach Schablonen, die sich für Ideale aus-geben,, Inwendiges übermalen zu wollen. Es wächst in jedem Menschen ein neuerMensch; namentlich Begabtere und zu Größerem Angelegte gähren gerne in der Jugend.Da gilt Speners Rath: „dem Muthwillen feuriger Köpfe soll man steuern, aberalso, daß das Feuer nicht ausgelöscht, sondern in Ordnung gebracht werde." Mandarf nie vergessen, daß Gehorsam wesentlich Freiheitsentwicklung ist. Auch das Kindohne Sünde that etwas über den Willen der Eltern hinaus — da es sein »rußte indem das seines Vaters. Nur darauf ist zu sehen, daß nicht die Willensentwicklunganstatt hinauf, nach den Seiten und in die Niedere gehe. — Durch Freilassen dessen,was frei sein darf und soll, wird auch der Scheinheiligkeit im Gehorsam entgegenge-wirkt, dieser Vorübung auf schlechten Dienst im öffentlichen Leben und auf pharisäischenGottesdienst, da inan anstatt sich selbst nur Worte und Aeußerliches opfert.
Endlich noch die Frage: ob in Haus und Schule auf Ungehorsam gewiße zumvoraus festgesetzte Strafen anzuwenden seien. (Vgl. Bor manu, S. 184 ff. undWaiz, von der Strafe §. 13). Die richtige Antwort wird dahin lauten mäßen, daßein großer Unterschied zwischen einem Criminalcodex sei und zwischen Schul- und Haus-regeln sowohl im Bedrohen als. im Vollziehen. Doch sogar bei Uebertretungen derDetailverbote (z. B. Schwatzen,. Hefte verunreinigen) erst die Individualität erwägen,das wäre Verschwendung des Urtheils und der Zeit; sonst muß allerdings bei wesent-lichen Verfehlungen darauf gesehen werden, daß nicht Ungleichheit entstehe und alsoUngerechtigkeit gefühlt werde, indem sich Ungleiche gleich behandelt finden. Die Er-ziehungsgesetze haben sich zu verwirklichen, indem sie an den Menschen durch einenMenschen, also menschlich gelangen. A. Hauber.
Gehör, s. Sinnenübungen.
Geist, s. Seele.
Geistliche als Schuliuspectoreu, s. Schulregiment.
Der Geistliche als Seelsorger iu Bezug auf die Erziehung. Es soll hier nichtvon dem geredet werden, was der Geistliche als Localschulbehörde zu thun hat, sondernvon dem, was ihm, wenn ihn auch die staatliche Fürsorge für die Schule nicht alsWerkzeug gebrauchte, doch in seiner Eigenschaft als Hirte der Gemeinde obläge, infolgedes Auftrages: „Weide meine Schafe" und „weide meine Lämmer!" Nach dieser