i Gehorsam. 807
Z grund deS von der Erfahrung aufgestellten Lehrsatzes, daß wer nicht folgen gelernt hat
V auch nicht befehlen kann und daß der Weg zu einem festen Regiment durch Gehorsam
s gehe; denn dieser ist's, durch welchen der Einzelwille seine Wurzeln in den von den
I Gesetzen und deren Handhabern ausgesprochenen Gemeinwillen treibt und also in demselben
! seine Heimat und sofort Recht und Kraft zur Geltendmachung dieses Willens findet.
Daher die unsichere Herrschaft eines aus Revolution hervorgegangenen Regiments;I daher auch die Unsicherheit im Hausregiment bei Vätern, die ein zuchtloses Jugendleben
k hinter sich haben und bei denen Schlaffheit mit zorniger Strenge wechselt, oder oftmals
Pedanterie die Stelle vernünftiger Ordnung vertreten muß. Der Wille dessen, der ineinem kleinen oder großen Gemeinwesen zu befehlen hat, muß in demselben seine inner-liche Heimat haben, durch Unterordnung darin eingeordnet sein, sonst fehlt es an derinneren Legitimation, am guten Gewissen und am Muth zum Regieren.
Es kann nicht schwer fallen, auf den Grund der bisherigen Ausführung nunmehrauch dem Einwurf zu begegnen, welcher der Erziehung zum Gehorsam bekanntlich schonvon Rousseau gemacht worden ist und der z. B. bei Schleiermacher (ErziehungslehreS. 71) als die Frage auftritt: .wie es die Erziehung verantworten könne, daß sie eineLebenszeit der anderen aufopfere?" Abgesehen davon, daß alles schwierigere Lernen indem früheren Lebensalter und ehe das Gelernte seine Früchte tragen kann, unter die-! selbe Kategorie des Aufopferns fallen und somit unterbleiben, d. h. daß der Knabenichts rechtes lernen müßte, so hat der Gehorsam für jede Lebenszeit den unmittelbarenGewinn, daß durch ihn Sünde und Böses, also Verderben bekämpft wird und er trägtdie obzwar langsam aber doch von Anfang an reifende Frucht der Einordnung in dasVernünftige und Rechte. Somit ist innere Befreiung, geistige Erleuchtung, Kräftigung desWillens und zugleich eine vorausnehmende Betheiliguug au dem Leben des sittlichenGemeinwesens immer mit dem Gehorsam verbunden. Was das folgsame Kind zuopfern hat ist in der That nichts anderes, als was auch jeder Erwachsene fort undfort um sein selbst willen und jeder Mensch auf Erden um des ewigen Lebens willenopfern muß, nämlich mit Einem Wort: sich selbst, und trifft hier das Wort Christi zu:„wer sein Leben findet, d. h. wer es nicht opfern will, der wirds verlieren, und wersein Leben verlieret um meinetwillen, der wirds finden" (Matth. 10, 39). — Warumdie Schrift sagt, „Gehorsam ist besser als Opfer," wird uns nun doppelt klar, denngewöhnliches Opfer giebt nur einzelnes her, Gehorsam giebt sich selbst, bei jenem giebtder Mensch und empfängt nichts dafür, bei diesem findet und gewinnt er sich selbstzurück. Dies gilt nämlich von demjenigen Gehorsam, in dessen Uebung der Mensch ander Hand einer berechtigten und vernünftigen menschlichen Zucht allmählich hineinwächstin die Zucht des göttlichen Geistes und in den freien Gehorsam gegen Gottes Willen.
So hat sich denn die Pflicht der Unterordnung des Eigenwillens aus der Betrach-tung der Natur des Willens, der geistigen und sittlichen Entwicklungsgesetze, der Be-dingungen, unter welchen die menschliche Gesellschaft sich bildet, und in der That hatsich uns der Gehorsam, welcher oberflächlich angesehen als ein Leiden erscheinen kann,als ein Werk und Beförderungsmittel der Freiheit und als eine Wohlthat ergeben.Daß derselbe aber wirklich ein gefühltes Bedürfnis sei, das kann, wer es nicht aus seinemWesen erkennen will, wenigstens an seinen Zerrbildern merken, wie sie im Leben sichmannigfach gestalten und überall da sehen lassen, wo der echte Gehorsam mangelt. Dermilden Zucht des Lehrers sich fügen geschieht manchem Schüler außerordentlich sauer,der unter die Tyrannei eines rohen Gassenhelden sich willig beugt; namentlich in dem-! jmigeu Alter, da der Freiheitstrieb am mächtigsten auftritt und welches die Worte Ge-
> horsam und Pflicht am liebsten aus seinem Wörterbuch gestrichen sähe, im jugendlichen,
! finden wir die Karrikaturen des Gehorsams am sprechendsten ausgeprägt; man denke
! nur an das Studentenleben, wie da mancher das väterliche Gebot in den Wind
! schlägt, aber vor den Häuptern seiner Verbindung tiefen Respect, von ihnen befehligt
i zu werden, sich höchlichst geehrt fühlt, wie die Gesetze der Universität, des Staates kritisirt
? und gering angesehen, aber der Trinkcomment heilig und unverbrüchlich gehalten wird. Die