Gehorsam.
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Je mehr es diese Schranken achtet, desto unabhängiger wird es von der Macht desSinnlichen. Der natürliche, noch ungelenkte und ungebeugte Wille ist nicht als einean sich gute, reine Naturkraft, sondern als eine von sinnlichen und egoistischen Trieben^ durchzogene und von sündhaften Gelüsten mächtig bewegte zu erkennen. Nur der nir-gends vorhandene Emil Rousseaus, nicht das leibhaftige Kind von Fleisch und Blutist gut von Natur und sofort etwa für berechtigt anzusehen, daß es verlange, die WorteBefehlen und Gehorchen, noch mehr die Ausdrücke Schuldigkeit und Gehorsam müßenaus seinem Wörterbuch gestrichen werden, und nur von einem Zöglingsphantom kannzur Noth gelten, was Rousseau seinem im zwölften Jahr stehenden Emil zuschreibt:.sprechet ihr ihm von Pflicht, Gehorsam, so weiß er nicht, was ihr wollt, befehlet ihrihm etwas, so versteht er euch nicht" (vgl. Raumer, Gesch. d. Päd. II, 235 u. 246 ).Rousseaus Erziehungsideal ist ein Knabe, in dessen Vocabular nicht die sittlichen Be-griffe von Pflicht und Schuldigkeit, sondern nur die Worte physischer Bedeutung „Kraft,Nothwendigkeit, Unmacht und Zwang" eine Rolle spielen. Man pflegt ihn damit zuentschuldigen, daß er so im Gegensatz gegen die grundverdorbene Cultur seines Zeit-^ ! alters gesprochen habe und darauf ausgegangen sei, die Kindesnatur aus deren Sklaven-! ! kette zu befreien, aber unentschuldbar — zumal für den Verfasser der oouksssious —j! ist, daß er über diesem Bemühen die Gebrechen der Kindesnatur selbst ignorirt unds also in seinen Erziehungscalcul Größen aufnimmt, die nicht vorhanden sind und wirk-!- liche Potenzen außer Rechnung läßt. In dieser Beziehung steht er schon hinter heid-! nischen Pädagogen zurück, welchen bekanntlich das Beschneiden junger Bäume und Reben' als Vorbild erziehenden Eingreifens in die natürliche Entwicklung des Kindes galt;vom christlichen Boden der Menschenerkenntnis hat er völlig sich entfernt. Hier nämlichgilt als Erfahrungswahrheit: „das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Ju-gend auf," „Thorheit steckt dem Knaben im Herzen," und „aus dem Herzen kommenhervor arge Gedanken." Nicht die Umgebung des Kindes ist es allein, von wo ihmdas Böse käme, der Mensch bringt den Reiz und Trieb dazu mit auf die Welt. Diesemangeborenen Bösen, der Sünde, die auch des Kindes Verderben ist, entgegen tritt diegebietende und verbietende Zucht, Gehorsam verlangend, nötigenfalls ihn erzwingend,im Gehorsam übend, und indem der Zögling diesen leistet, wird er in der That freier,denn er bekämpft dabei die sündhaften Triebe, schwächt ihre Naturgewalt und durchdas Zurückdrängen des sinnlichen, egoistischen Willens wird dem vernünftigen, sittlichenWillen Bahn gemacht. Weit entfernt daher, daß die den Gehorsam heischende Zuchtetwas inhumanes, freiheitgefährdendes wäre, dient sie vielmehr dazu, das Thierische imMenschen zu besiegen, die Herrschaft des Fleisches über den Geist zu brechen, und alsoden Menschen in der That human, d. h. menschlich und frei zu machen. Der rechteGehorsam „stärkt und hebt unsere höchsten Seelenkräfte, indem er die unedleren anima-lischen niederhält und unter die Gewalt der höheren zwingt." (Roth a. a. O.S. 138 ). So wird das „Müßen" hier zum Freund des „Sollend" und ein Vorläuferdes „Wollens." Ja, wenn mans recht betrachtet, so liegt schon in dem frühesten Ge-horsam der Ansatz zu derjenigen Verfassung des Gemüths, welche das Evangelium alsdie Frucht der wirklichen Bekehrung und der Wiedergeburt erkennen heißt, da nämlichder Mensch nicht nur von diesem und jenem sinnlichen Hang und egoistischen Trieb,sondern von sich selbst frei wird und mit dem Apostel sprechen kann: ich lebe nun,doch nicht ich lebe. — Der freie Wille wird nur erzogen, wenn auch er „als einSamenkorn angesehen wird, das keine Frucht bringt, es sterbe denn" (Wiese, dieBildung des Willens S. 48 ).
Werth und Pflicht des Gehorsams wird demnach verständlich durch die Anthropo-logie der hl. Schrift, durch die klare Einsicht in den Mangel und die Verderbtheit desnatürlichen Menschen. Die Zucht erscheint hier im Licht eines Arzneimittels, der Ge-horsam als Heilcur, die Einwendungen aber, welche von Seiten einer oberflächlichenLiberalität gegen Eingriffe in die Kindesnatur, gegen Störung der freien Entwicklungund dergleichen gemacht werden, fallen zu Boden, sobald man einen klaren Einblick in