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Gefühllosigkeit.
neu, wenn sie Erwachsene in Thränen sehen, und fühlen den Sinn der Worte schonaus den Gesichtszügen und Geberden des Sprechenden heraus, auch wenn ihnen dasVerständnis der Rede noch abgeht: -— so kann doch der Trieb der Selbstsucht bald soübermächtig werden, daß er den Sinn gefangen nimmt und dieser kein Verständnismehr hat für die Gefühle anderer, weil er nur mit dem eigenen Ich beschäftigt ist.Wir haben also das Kind vor Gefühllosigkeit zunächst und vor allem dadurch zu be-wahren, daß wir seinen Egoismus, wo er hervortritt, beschränken und seinen Willen inZucht nehmen. Noch ehe das Kind einen Begriff vom Pflanzenleben hat, muß dieZucht schon dafür sorgen, daß es nicht muthwillig den blühenden Zweig vom Obstbau»,oder den zarten Pflänzling aus dem Boden reißt. Schon das unmündige Kind mußgehindert werden, daß es mit der Peitsche nicht nach Belieben auf Menschen undThiere losschlage, daß es nicht alles, was ihm unter die Hand kommt, zerbreche. DerZerstörungstrieb als Moment in der Entwicklung des freien selbstbewußten Geistes hatseine Berechtigung; er ist wesentlich ein Ausfluß des Thätigkeitstriebes und wir habendeshalb über sein Hervortreten nicht zu erschrecken, sondern ihn nur vor Ueberschreitungvernünftiger Grenzen zu behüten und in seinen Aeußerungen zu leiten. Eine zu ängst-liche Beschränkung der Willkür des Kindes, ein Fernhalten desselben von jeder rauhenBerührung mit der Außenwelt, jene künstliche Erzeugung thränenseliger Sanftmnthund Empfindelei wäre das andere Extrem, das vor lauter Zartsinu und Empfindsam-keit zu moralischer Schwäche und abermals zum egoistischen Zurückziehen auf daseigene Ich führen würde. Der Knabe, der vielleicht als Mann sein Blut für dasVaterland vergießen muß, soll nicht über jeden Blutstropfen jammern oder bei einerleichten Schnittwunde in Ohnmacht fallen. Wir wollen es ihm auch nicht als Hangzur Grausamkeit auslegen, wenn er etwa im Schlachthause — Mädchen halten sichvon solchen Stätten ohnehin fern — mit Spannung der Bewältigung und demTode der Hausthiere durch Menschenhand zuschaut. Etwas anderes ist aber „jenegrausame Lust an der Ueberwältigung des Thieres, an seinem Schmerz und rühm-losen Untergang" (Palmer, evang. Päd., S. 276 ff.), von der nur ein Schritt ist zurvorsätzlichen überlegten Thierquälerei. Hat der junge Mensch erst im Unterdrücken undZerstören des thierischen Lebens die Regungen des Mitleids überwinden gelernt, sowird er herangewachsen auch zur Menschenquälerei fortschreiten und mit kaltein BlutMenschen hinzuopfern im Stande sein. Wie die Geschichte von den blutdürstigenDespoten, von einem Nero, Dschingis-Chan, Karl IX. (der in der Bartholomäusnachtauf Hugenotten schoß) meldet, daß sie schon in der Kindheit am Blut gequälter undhin geschlachteter Thiere Gefallen fanden, so zeigen fort und fort unsere Criminal-acten, daß die meisten Mörder schon in der Jugend sich als arge Thierquäler ofsen-barten. Sind doch die Thiere diejenigen lebendigen Geschöpfe, an welchen schon dasKind seine überlegene Kraft geltend machen kann; wird also nicht im Verhältnis zuihnen die hervorbrechende Selbstsucht getilgt, dann ist es auch um das Hcrvorkeiincnund Aufblühen alles und jedes sympathetischen Gefühls geschehen. Darum giebt es,wie der Menschen- und thierfreundliche Lord Erskiue sagt, keine wahrhaft gute Er-ziehung und kein wahrhaft gutes Herz ohne Mitleid mit den Thieren. Darum solltenaber auch alle Wohlmeinende, gleichviel ob mit oder ohne Beitrittserklärung, thätige Mit-glieder des Thierschutzvereins sein, wie ihn IIr. Perner in München begründet hat undmit achtungswerther Ausdauer über ganz Deutschland zu verbreiten sucht; nicht bloßLehrer und Geistliche, sondern auch Gemeindevorsteher und angesehene Amts- oderPrivatpersonen sollten mit allen ihren Mitteln dahin wirken, daß es in der Gemeindezum Ehrenpunct würde, Thierquälerei entweder zu verhindern oder zur Anzeige zubringen. Die Polizei zeigt wohl hier und da guten Willen, grausame Behandlung vonThieren zu ahnden; aber wie viel fehlt noch, bis nur das erreicht ist, daß die Schlacht-plätze nicht mehr an offener Straße dem Blick der Jugend offen stehen, oder daßKälber zu Dutzenden auf ein Fuhrwerk gepackt, mit herabhängenden Köpfen undhervorquellenden Augen fortgeschafft werden! Uebrigens dürfen wir, trotz mancher