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Gefühllosigkeit.
Härte und Grausamkeit im einzelnen, im allgemeinen doch von unserem Volke rühmen,daß sein Herz mitleidiger gegen die Thierwelt gestimmt ist als das der romanischenVölker und auch der Engländer, die an blutigen Hetzen und Thierkämpfen, an Hunden,die sich todtbeißen, und Hähnen, die sich zerfleischen, eben so großes Gefallen findenwie am Boxen, dem blutigsten, rohesten Zweikampf, den es giebt. Es ist solcherRoheit und Gefühllosigkeit gegenüber nur wohlthuend, wenn deutsche Pädagogen selbstdas Spielen der Kinder mit Thieren — Hunden und Katzen, Kaninchen und Vögeln— bedenklich finden (vgl. vr. Schreber, Kallipädie, S. 116), weil es leicht zu Thier-quälereien verleiten könne, obgleich sie hiemit ohne Zweifel zu weit gehen. Jene Lieb-haberei des Fangens und Einsperrens heimischer Singvögel ist allerdings möglichst zuunterdrücken, doch möchte es — die Beaufsichtigung der Erwachsenen vorausgesetzt —gerade ein erziehliches Moment bilden, wenn das Mädchen ihren Kanarienvogel zufüttern und zu Pflegen, der Knabe für seine Kaninchen Futter zu besorgen hat. In derthätigen Sorgfalt für ein lebendes Wesen wird das Geinüth sicher auch zum Mit-gefühl für dasselbe gestimmt, gleichwie der Gärtner gerade darum seine Bäume undBlumen wie Kinder liebt, weil er sie wie seine Kinder pflegen muß; und schwerlichwird ein Kind, das seine Thiere mit Achtsamkeit und Sorgfalt zu hehandeln gewöhntworden ist, grausam gegen die Thiere anderer sein. Der Zucht, die zunächst nur negativ,hindernd und beschränkend, verbietend und strafend wirken kann, muß stets die positiveEinwirkung der Erziehung voran und zur Seite stehen, wenn sie nachhaltig wirken soll.Von größter Bedeutung ist auch hier das Beispiel der Erwachsenen, die in milder Be-handlung der Thiere wie in menschenfreundlicher Theilnahme am Loos der Armen,Kranken und Schwachen der Jugend vorauzuleuchten haben. Ferner der Unterricht.Liebe zu der Pflanzen- und Thierwelt kann nur befestigt werden durch die Erkenntnis,daß auch in der Natur der Geist Gottes weht, daß auch die Pflanzen und ThiereGeschöpfe des allliebenden Vaters sind, der für alle sorgt und allen ihre Speise giebtzu rechter Zeit. Die biblische Geschichte schafft für diese Erkenntnis die einzig praktischeUnterlage; sie finde ihre coucrete und anschauliche Erweiterung im naturkundlichenUnterricht, an dem auch die Bolksschuljugend ihren Autheil haben soll. Wer denwundervollen Bau einer Blume kennen gelernt hat, wird sie nicht muthwillig zerreißen,und wer gelernt hat, daß auch dein Wurme Empfindung und für die Bewegung einkunstvoller Muskelapparat zu Theil geworden, der wird ihn nicht gedankenlos zertreten.
A. W. Grube.
GesiihMildung. Daß hier von der Bildung des Gefühls gehandelt werdensoll, zeigt deutlich, daß es sich nicht um einen psychologischen, sondern um einen imeigentlichsten Sinne pädagogischen Artikel handelt. Wir sind darum nicht bloß berechtigt,sondern verpflichtet, die nähere psychologische Begründung vorauszusetzen und von derErfahrungsthatsache auszugehen, daß der menschliche Geist wesentlich auf dreifacheWeise sich thätig zeigt, indem entweder unser Ich durch die Eindrücke der Außenweltund der eignen Vorstellungen bestimmt und erregt wird, oder das Ich seinerseitsauf die Außenwelt und auf sich selbst bestimmend einzuwirken strebt, oder endlichder Geist zur Außenwelt und zum eignen Ich sich rein betrachtend verhält: im erstenFalle fühlen, im zweiten wollen, im dritten denken wir (vgl. d. Art. Er-kenntnisvermögen S. 251 sf.). Je nachdem die Eindrücke als Förderung oder alsHemmung des eignen Lebens empfunden worden, unterscheiden wir angenehme undunangenehme Eindrücke. Wir verstehen demnach unter Gefühl das unter der Formdes Angenehmen oder Unangenehmen zu Stande kommende unmittelbare Jnncwerdenunseres durch Eindrücke der Außenwelt oder der eignen Vorstellungen bedingten Zustandes.Von den Mitteln, unser Inneres zu äußern, entspricht dem Denken das Wort, demWollen die Handlung, dem Gefühl der Laut und die Geberde (Jessen,Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der Psychologie. Berlin 1855, S. 128 ff.).Schon aus dieser Darlegung geht hervor, daß unter Gefühl etwas anderes zu ver-stehen ist, als unter Gemüth (vgl. d. Art.). Während nämlich Gefühl nur eine