Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
787
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Gedächtnis.

wichtigsten und folgenreichsten Dinge von Stufe zu Stufe sich entwickelt und meist sehrspät sich vollendet, wenn es sich überhaupt vollendet. Dieses gilt vor allem von reli-giösen Ideen, die erst durch eine reiche Lebenserfahrung ihr volles Verständnis und dasinnigste Interesse für das Gemüth erhalten. Nichts desto weniger erscheint es heilsam,tiefsinnige religiöse Lieder und Sprüche frühzeitig dem Gedächtnis der Kinder einzn-prägen, damit sie zur Zeit der Noth und Gefahr in der Seele des Kindes gegenwärtigsind und ihre Kraft beweisen. Es ist recht gut, wenn die Kinder solche Lieder undSprüche Wort für Wort also zunächst mechanisch ins Gedächtnis aufnehmen,wenn nur die weiteren Operationen, durch welche sich solcher Inhaltim Geiste und Gemüthe für alle Zeiten festwurzelt, Nachfolgen. Diesebestehen zunächst darin, daß der Lehrer die in dem Gelernten liegenden Vorstellungenund Gedanken für sich und in ihrem Zusammenhänge möglichst klar macht und durchpraktische Erfahrungen und Beispiele veranschaulicht. Hat ein Kind, welches den Reli-gionsunterricht empfängt, außerdem noch das Glück, daß es von einem Lehrer unter-richtet wird, der selbst ein lebendiges Interesse für die religiösen Wahrheiten hat, sosenkt sich der religiöse Inhalt auch schon einigermaßen in sein Gefühl ein, wenn aucherst die späteren Lebenserfahrungen nach und nach immer tiefere Beziehungen desselbenaufschließen, und ihn hierdurch mit unserem geistigen Selbst immer inniger verbinden.*)Auch für mathematische und philosophische Wahrheiten erscheint es in vielen Fällenganz nützlich, wenn man mit diesem mechanischen Theil der Assimilation, den man mitdem Namen des Auswendiglernens bezeichnet, den Anfang macht, wenn nur dasJnwendiglernen redlich nachgeholt wird. Wenn man einen philosophischen odermathematischen Satz erst Wort für Wort ins Gedächtnis ausgenommen hat, so hatman dann um so mehr Freiheit und Veranlassung, ihn zu beweisen und zu begreifenund der mehr äußerlichen Assimilation die innere hinzuzufügen. Einer der tiefsinnigstenPhilosophen unserer Zeit und aller Zeiten, Hegel, theilt in seinem Aufsatz über denUnterricht in der Philosophie auf Gymnasien die höchst merkwürdige Thatsachc mit,daß er schon in seinem zwölften Lebensjahre wegen seiner Bestimmung für dastheologische Seminar in Tübingen die Wolfschen Definitionen von der sogenanntenIllca Clara an erlernt, und im vierzehnten Jahre die sämmtlichen Figuren und Regelnder Schlüsse inne gehabt und sie von da an immer behalten habe, und er fügt die füralle Gedächtnisübungen gültige Wahrheit hinzu: eine Erkenntnis, sie sei welche siewolle, auch die höchste, müße man, um sie zu besitzen, im Gedächtnisse haben; manmöge nun damit anfangen oder damit endigen; werde damit angefangen, so habe manmn so mehr Freiheit und Veranlassung, sie selbst zu denken. Aber freilich muß auchmit dem Selbstdenken des zunächst mechanisch Aufgenommenen ein rechter Ernst gemachtwerden, wenn es nicht als ein todtes und isolirt stehendes Material bald genug auchaus dem Gedächtnis herausfallen soll. Es giebt aber noch einen wesentlicheren Grund,weshalb man wenigstens gewiße sprachliche Erzeugnisse Wort für Wort auswendig /lernen muß. Dieser Grund liegt in der Form der Schriftwerke. Nimmt man /ein elastisch vollendetes Gedicht, so liegt seine Vollendung nicht bloß in der Tiefe des )Gedankens, sondern besonders auch in der Form der Darstellung, in der Wahl der /Worte und Bilder, in der Wortstellung, in dem Bau der Sätze, in dem Metrum und/Aehnlichem. Man muß solche Gedichte Wort für Wort in sich aufnehmen und vorallem in das Gedächtnis mechanisch aufnehmen, mn ein Gefühl für schöne und vollendeteForm zu erlangen. Es versteht sich von selbst, daß man einem Schüler, dem man dieAufnahme eines solchen Gedichts zumuthet, ganz unverständliche Worte und Wendungen,die darin Vorkommen, möglichst erklärt; aber dann gehe man daran, dasselbe ganz festund Wort für Wort memoriren zu lassen. Ein solcher im Gedächtnis gegenwärtiger,formell vollendeter Inhalt wirkt fast bewußtlos auf die Bildung des Formsinns; freilichaber in einem um so höheren Grade, je mehr man bei jeder passenden Gelegenheit

*) Vgl. bei Raumer, Gesch. d. Päd. III, 34.

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