Gedächtnis.
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nehmen und wie sicher sie dieselben aufbewahren. Aber wir werden diese Erscheinungbegreiflicher finden, wenn wir bedenken, in welcher geordneten Weise sie den Inhalt insich aufnehmen. Zu den allerwichtigsten Besitzthümern, die die kindliche Seele sich er-wirbt, gehört offenbar die Muttersprache. Sitzt irgend etwas recht fest im Gedächtnis,so sind es die Worte der Muttersprache. Hat sich aber auch irgend etwas auf natur-gemäßem Wege festgewurzelt, so sind es die Worte der Muttersprache. Wären sie demKinde bloß als vereinzelte Laute mitgetheilt worden, es würde dieselben nimmermehrgemerkt haben. Aber jedes Wort ist selbst ein Resultat vieler einzelner Beobachtungenund wird, wenn es einmal gewonnen ist, umgekehrt auch gebraucht, um viele einzelneBeobachtungen zu begreifen, und so wird es ein lebendiges Eigenthum des Geistes unddarum auch des Gedächtnisses. Soll das Kind die allgemeine Vorstellung, die durchdas Wort „Baum" bezeichnet ist, ins Gedächtnis aufnehmen, so muß es vorher vieleeinzelne Bäume warnehmen, aus denen es das allen Gemeinsame „Baum" heraushebt.Das Wort Baum ist daher nichts vereinzeltes im Bewußtsein, sondern der einfacheAusdruck für eine Fülle von Einzelnheiten, die durch etwas gemeinsames mit einanderverbunden sind. Je öfter diese einzelnen Beobachtungen und Erfahrungen wiederholtwerden, desto klarer und bestimmter entwickelt sich auch der allen gemeinsame Gattungs- :begriff und wird ein unverlierbares Eigenthum des Gedächtnisses. Ist ein Wort erst!im Gedächtnis, so wird es auch dadurch immer mehr befestigt, daß man es recht oftauf die einzelnen Erscheinungen, deren Begriff es vorstellt, in Anwendung bringt undes auch in dieser Weise als den Inbegriff von einer Fülle von Einzelnheiten erkenntund empfindet. Aehnlich verhält es sich mit der Assimilirung individueller Anschauungen.Es ist bekannt, daß nichts so sehr im Gedächtnis haftet, als die Bilder von Gegendenund Menschen, die man in der Jugend viel um sich gehabt hat. Aber wie unendlichoft habe ich diese Bilder auch gesehen und in wie verschiedenem Lichte und in wie ver-schiedenen Stellungen und Verhältnissen! Erst wenn ich z. B. eine bestimmte Personrecht oft gesehen und überhaupt wargenommeu und mich von der Identität derselbenin den verschiedensten Erscheinungsformen überzeugt habe, erst dann wurzeltihr Bild im Gedächtnis fest und zwar für alle Zeiten. Das Vereinzelte als solcheswürde auch in diesem Falle leicht und schnell aus dem Gedächtnis verschwinden; aberdas Einzelne als das mit sich Identische in einer Fülle von Unterschieden — dashaftet und wird behalten und tritt rasch in die Erinnerung ein, wenn es der Geistin seiner Thätigkeit wieder gebraucht. Es geht daraus nun zugleich auch hervor, wasfür eine unendlich große Bedeutung die Wiederholung für das Aufbewahren einesgeistigen Inhalts im Gedächtnis hat. Man sagt nicht zu viel, wenn man die Wieder-holung als das hauptsächlichste, wo nicht als das einzige Mittel zum Behalten be-zeichnet und daß der alte Grundsatz: roxstitio sst inntsr stmäiornm für alle Zeitenseine Wahrheit behauptet. Aber die Kraft der Wiederholung besteht nicht sowohl darin,daß ich denselben Eindruck einer Sache zu verschiedenen Zeiten immer wieder in meinBewußtsein aufnehme, sondern vielmehr darin, daß ich ein und dieselbe Sache in denverschiedenartigsten Situationen beobachte und sie in allen noch soverschiedenen Beziehungen als eine und dieselbe erkenne. Hiedurchnämlich bringe ich sie in Verbindung mit vielen anderen Dingen, streife ihr das Ver-einzelte und Jsolirte ab, und mache sie gleichsam zu einem Centrum, von welchem vieleStrahlen ausgehen, ohne daß durch diese Bewegung das einfache und mit sich identischeCentrum verloren gienge. Wer fremde Sprachen gelernt hat, der hat sich auch genug-sam überzeugt, daß man ein einzelnes Wort der fremden Sprache, so oft man sich auchseinen Laut mit seiner deutschen Bedeutung vorsagen mag, sehr leicht vergißt und daßalles Memoriren von vereinzelten Vocabeln wenig Frucht bringt. Wenn man dagegenein fremdes Wort in verschiedenen Sätzen und Verbindungen gelesen und die verschie-denen Bedeutungen, die es hat, kennen gelernt und den Grundbegriff, den es in denverschiedenen Bedeutungen unveränderlich behauptet, sich zum Bewußtsein gebracht hat,dann geht eS dem Gedächtnis nicht wieder verloren, besonders wenn ich es in seinen
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