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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
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Gedächtnis.

sonst noch von der Fülle der in mir vorhandenen Substanz in das Bewußtsein herem-drängen will, in das Reich der Bewußtlosigkeit zurückschenche. Wie ein Instrumenterst dann tönt, wenn es mit den Fingern berührt wird, sonst aber tonlos verharrtso giebt sich auch die geistige Substanz, die von dem Gedächtnis behalten wird, nichtzu erkennen, außer wenn sie gleichsam von dem Finger des Geistes berührt wird.Und diese Fähigkeit, dasjenige, was ich behalten habe, in jedem Augenblick gleichsamaufzuwecken und ins Licht des Bewußtseins hereinzurufen, ist das zweite Moment deSGedächtnisses nämlich die Kraft sich seiner geistigen Substanz zu erinnern. DichFähigkeit ist erst dann so, wie sie sein soll, wenn die Vorstellungen mit nnmeßbarerSchnelligkeit aus dem Schachte der Innerlichkeit ins Bewußtsein gerufen werden. Ma»bewundert wohl die reißende Geschwindigkeit, mit der ein geschickter Clavicrspieler dieTöne anschlägt; aber diese Geschwindigkeit ist nichts im Vergleich mit der Schnellig-keit, womit die Seele ihres Inhalts sich bemächtigt und ihn, je nachdem sie ihn ge-braucht, in das Bewußtsein ruft und wiederum, wenn er seine Dienste gethan hat,daraus verabschiedet.

Das sind also die beiden Momente eines guten Gedächtnisses: die Kraft, etwaszu behalten und die Kraft, es sich in jedem Moment zum Bewußtsein zu bringen odersich dessen zu erinnern.

Wenn nun aber auch der Werth eines guten Gedächtnisses wesentlich in der Festig-keit und Treue deö Behaltens und in der Sicherheit und Schnelligkeit des sich Erin-nerns liegt, so hängen doch beide Eigenschaften von der Art und Weise ab, wie dergeistige Inhalt, der dem Gedächtnis anvertraut werden soll, zuerst aufgefaßt undausgenommen wird. Daß so vieles und so rasch dem Bewußtsein wieder verlöre»geht, daß so vieles bald wieder gleichsam durch den Boden des Bewußtseins hindurch-fällt, wie die Spreu durch ein Sieb, dieses ist allein dem Umstande zuzuschreiben, daßman es sich nicht gründlich assimilirt hat. Was inan zu einem wirklichen Eigenthumcseines Geistes gemacht hat, das geht nicht wieder verloren. Dian versenke nur dieSeele mit aller ihrer Kraft in einen Gegenstand, inan durchdringe ihn nach seinerganzen Breite und Tiefe, man erforsche alle seine einzelnen Seiten und ihre Verbindungzu einem lebendigen Ganzen, und bringe es so weit, daß die Seele in dem Gegen-stände wie zu Hause ist und ein klares Verständnis desselben erlangt hat; *) und manwird finden, daß auch das Gedächtnis für alle Zeiten mit dein Gegenstände bereichertist, daß es ihn in sich hält und trägt und zu jeder Zeit reproduciren kann. Die Mittel,die dazu dienen, der Seele das Verständnis eines Gegenstandes zu eröffnen und durchdas Verständnis Interesse dafür einzuflößen, sind daher auch die Mittel, um den Gegen-stand dem Gedächtnis für immer einzuprägen, und es giebt unseres Erachtens keineandere. **) Ist irgend eine Beobachtung lehrreich, nm zu erkennen, auf welche Art undWeise eine geistige Substanz sicher ins Gedächtnis ausgenommen werden kann, so istes die Beobachtung des kindlichen Alters. Es kann uns das Gefühl der Bewunderungergreifen, wenn wir sehen, was für eine zahllose Menge von Gegenständen die Kinder,ohne sich durch mechanische Gedächtnisübungen viel zu quälen, in ihr Gedächtnis auf-

*) Es liegt in dem Obigen und wir »rachen auödrücklch darauf aufmcrksain, wie wichtig esfür das Behalten ist, daß der Gegenstand desselben eine gewiße (innere oder äußere) Wichtigkeitfür uns habe und daß wir uns auch wirklich dafür interessiren, da sich die Seele ohne ein solche»Interesse niemals in denselben versenken würde. Der Grad unserer Theilnahme bildet eine wesent-liche Bedingung für die Dauer der Erinnerung und das Interests zu wecken ist auch in dieser Be-ziehung ein Haupttheil des Lehrgeschäfts. D. Retz,

**) Nur von dem unserem Geiste nicht assimilirten, nicht gehörig durchdrungenen Stoffe kan»daher Hamann reden, wenn er sagt, bas Gedächtnis könne sich auch überfreffen, so daß die äd-rigen Geisteskräfte schwinden. In gleichem Sinne kann man sagen, daß sich zuweilen Jünglingevor der Maturitätsprüfung au Geschichtstabelleu u. dgl. dumm lernen; sie stärken das Beharrungs-vermögen des Geistes durch Uebung und schwächen zugleich durch Mangel an Uebung die Ur<theilSkraft. D. Red.