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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
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781
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Gebrechliche. 781

Witz bewundern und ihre Eitelkeit nähren, dafür aber die gerade bei diesen Kindernso ausgezeichnete Reizbarkeit des Gemüths mit sanftein Ernste behandeln.

Die Conflicte, in welche der gebrechliche Anfänger in der Kunst des Lebens kommtnoch in der Zeit, wo-er hauptsächlich in der Familie lebt, sind übrigens nicht zu ver-gleichen mit denen, welche ihn außer dem Hause, zunächst schon beim Eintritt in dieSchule erwarten. In Beziehung auf die Zeit dieses Eintritts, auf das Lernen über-haupt, wann und wie es angefangen und nach Unterbrechungen durch Curversuche,Badereisen und dgl. fortgesetzt werden soll, hängt die Entscheidung so sehr von demindividuellen Falle ab, daß wir hier davon absehen dürfen. Darüber hat ohnehin inerster Linie der Arzt und erst dann auch der Lehrer zu entscheiden.*) Außerhalb desFamilienkreises fühlen zumal die geistig begabteren Gebrechlichen schon früh ihre unglückliche Stellung. In manchen Beziehungen, die durch Verstand nnd Naisonncmentnicht gedeckt werden, sind sie schwer zu trösten. Die Verletzung der Eigenliebe durchNeckereien und verächtlichen Spott läßt sich ertragen, wohl auch mit geistiger Waffepariren; aber daß sie in hundert Hoffnungen und Freuden sich hintangesetzt sehen, woder durch Kopf und Herz gleich Berechtigte vergeblich es anderen selbst minder Begabtengleich zu thun sucht, das ist ein Grund, warum nur zu oft ihr Gemüth eine krankhafteReizbarkeit annimmt, welche bei gemeineren und gemein behandelten Naturen zu gif-tigem Neid und zu arglistiger Tücke führt, aber auch bei edleren, rücksichtslos Behan-delten wohl Stimmungen nicht minder peinlicher und schlimmer Art zu erzeugen ge-eignet ist. Man denke an des gründlich verzogenen Lord Byrons Qualen über seinenKlumpfuß oder seine Klumpfüße (denn bis heute ist nicht sicher entschieden, ob der sonstso schöne, kräftige Mann an einem oder an beiden Füßen verunstaltet war, so sorg-fältig hat er es versteckt.) Sein Leben schon im Knabenalter war erfüllt von auf-reibender Sorge für die Verhüllung dieses Gebrechens, von gekränktem Stolz, Liebes-unglück und wüthendem Groll, der die Faust gegen den Schöpfer ballte, und der un-heimliche Eindruck, den sein Wesen auf den Unbefangenen macht, ist gewiß mit bedingtdurch diese verbissene Stimmung. Die schönsten und reichsten Gaben des Geistes ver-zehrten sich bei ihm in herbem Stolz und wildem Grimm gegenüber der lieblosenEitelkeit und Selbstsucht der Welt. Mit krankhaftem fruchtlosem Mühen strebte dersinnliche, selbst geckenhaft eitle Mann seiner Natur das abzuringen, was sie nicht ge-währen konnte, selbst wenn sie nicht gebrechlich war. Dagegen macht die verwachseneGestalt eines Schleiermachers, eines Tieck nicht im geringsten jenes oben besprocheneGefühl der Abneigung des natürlichen Menschen rege. Hier sieht man in den edlen,ruhigen Zügen, im geistreichen, seelenvollen Auge einen Sieg über die Natur, der nichtdurch Trotz und Eitelkeit erzwungen ist. Lichtenberg hat es sehr vermieden, über seinGebrechen irgend Anspielungen zu machen. In seinen klugen, traurigen Zügen erkennenwir deutlich das bezaubernde Gemisch von unerschöpflichem Witz, treffender Satire undtiefe»: Gefühl wieder, welches wir Humor nennen, und zugleich die Melancholie, dieihn zuletzt so menschenscheu machte. Sein scharfer Verstand hatte ihn zu einen: Deter-minismus geführt, welcher ihn: allen Glauben nahm und ihn so unfrei machte, daß erauf Vorbedeutungen, Ahnungen und Träume achtete. Er starb müde und lebenssattin: siebenundfüufzigsten Jahre. Seine innere Lebensschule scheint eine sehr harte gewesenzu sein, trotz mancher äußerer Ehren.

Doch bleiben wir vorerst bei der Schule im allgemeinen. Obgleich gute Kindersich eines Hülflosen, Gebrechlichen liebreich annehmen, so hat derselbe, namentlich wenner provocirend auftritt, doch auch herbe Reden, Hohn und noch derbere Beweise vonAbneigung zu erwarten. Das wird un: so weniger ausbleiben, wenn der Lehrer inauffallender Weise un: seines Gebrechens willen sich seiner aunimmt. Ohnehin giebt

*) In einer Zahl orthopädischer Anstalten sind besondere Lehrer für die kleinen Jnsaßenangestellt. ist den: Verfasser nicht bekannt, daß einer derselben seine Erfahrungen veröffent-licht hätte.