Gebrechliche.
779
k wärts geschieht es aus einer Art von Humanität, die schnell fertig dem leiblichen Leben^ ein kurzes Ende macht, statt einer langen Noth; ja nach der Versicherung eines be-rühmten Geburtshelfers ist die Behauptung, daß bei weitem die meisten Misgebnrtennicht lange leben, zwar richtig, aber das Faetum nicht durchaus bloß in natürlichenVerhältnissen begründet. Die echte, die christliche Humanität macht es sich nicht soleicht, sie erbarmt sich auch dieser Armen und erwägt liebevoll, wie sie erzogen' werden sollen.
- Es ist bei der großen Verschiedenheit der Gebrechlichen ziemlich schwierig, Allgemein-st gültiges über ihre Behandlnngsweise festznstellen. Nicht einmal der Kanon, daß ess-! schwächliche, körperlich keiner oder weniger Anstrengungen fähige Kinder seien, ist allge-E mein wahr: es giebt unter ihnen solche, welche eine so kräftige Gesundheit besitzen, daß^ sie die angreifendsten Euren ertragen und leiblich und geistig ihre Kräfte ohne allen! Schaden anstrengen können, wie jedes Kind- Die besondere Rücksicht auf den Kräfte-zustand wird allerdings eine der ersten, und in leiblicher Beziehung die Pflege der körper-lichen Entwicklung und Kräftigung mit besonderer Sorgfalt zu ordnen sein. So lockendan dieser Stelle die Gelegenheit wäre, auf die verschiedenen Systeme näher einzngehen,welche die Heilung oder Besserung der Gebrechlichen versuchen und mit der Hygieinederselben innig zusammen hängen, so haben wir doch bei der diesem Artikel vorgeschrie-benen Beschränkung uns dessen zu enthalten. Allein eines müßen wir uns erlauben,j von medicinischem Standpunet kurz zu erörtern: nämlich die Typen für einige besondere! Nassen von Gebrechlichen, insofern hier Anhaltspuncte für die pädagogische Behandlungs gegeben sind. Eine große Anzahl von Gebrechen bieten nämlich in ihrer äußern Er-scheinung nur den Ausgang eines tiefer liegenden, den Organismus besetzt haltendenconstitutionellen Leidens. In erster Linie stehen hier die Skropheln, welche namentlicheine Menge von Gelenkskrankheiten bedingen. Man hat bei ihnen einen irritabeln undtorpiden Charakter des Leidens unterschieden. Der Habitus des letzteren ist der eigent-liche bekannte Skrophelhabitus: dicker Kopf, große aufgeworfene Oberlippe, meistensauch dicke, wie geschwollene Augenlider und Nase, dünne Extremitäten und großer Bauch.Es sind Kinder, welche beständig essen wollen und zwar massige Nahrung, Mehlspeisen,Brod u. dgl-, während sie geistig ziemlich stumpf sich zeigen, dabei oft mürrisch und ver-drießlich sind und gegen die Außenwelt, gegen schmerzhaftes Angreifen besonders darumreagiren, weil sie dadurch in ihrer Ruhe gestört werden. Die irritable Form dagegenzeigt ein ganz anderes, fein markirtes Gepräge, hübsche Gesichtchen mit zarter Haut,j öfters röthlichen Haaren, langen seidenähnlichen Wimpern, zarten Gliedern. Solche! Kinder verrathen früh große Geistesanlagen, sind im Sten Jahre schon witzig, dabeiüberaus empfindlich gegen äußere Eindrücke und Ereignisse. Die Loose scheinen zwischenbeiden Formen sehr ungleich vertheilt, zu Gunsten der letzteren, doch ändert sich mit derZeit öfters das Verhältnis. Während Kinder mit dein torpiden Habitus sich manchmalgegen die Pubertät hin recht vortheilhaft entwickeln, verkrüppeln dagegen die feinen undgeistreichen Gesichter und bekommen grillenhafte Züge; sexuelle Regungen erwachen frühund mit Heftigkeit; und in geistiger Beziehung entsprechen solche Kinder später den ge-hegten Erwartungen durchaus nicht: sicherlich oft nur, weil sie eben verdorben worden' sind. Eine zweite Reihe von Gebrechen ist begründet in rhachitischem Leiden, welchessich durch die aufgetriebenen Apophysen der Röhrenknochen kennzeichnet, und durch eigen-thümliche Gesichtszüge mit etwas vorstehendem Unterkiefer und zurücktretendem Joch-bogen. Auch dies sind in der Regel kluge Kinder, die gut aufmerken und gut lernen,
! aber eher schweigsam sind als gesprächig. — Besonders hervorzuheben ist nun aberunter den Gebrechen als solchen diejenige Verkrümmung des Rückgrats, welche eineAusbiegung nach hinten bildet, die Kyphose. Bei diesen: Leiden zeigt sich namentlichdie Intelligenz in der Regel früh schon geschärft, buckelige Kinder zeigen oft besondereAnlagen, zumal für das auf Beobachtung und Berechnung sich gründende Wissen, undbilden dieselben mit Vorliebe aus. Unser berühmter Orthopäde vr. Heine in Cannstatt. hat mich versichert, daß in seiner vieljährigen Erfahrung ihn: kein einfältiger, dummer
AK