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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
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Fußreiscn.

Bildung des Gemüthes üben. Vor allem kommt nur der Fußreisende der Naturund ihren Schönheiten recht nahe; nur er kann sich ihr völlig ungestört hingeben. Aberauch den Menschen kommt er näher. Er kann sie ruhig beobachten in ihrer Arbeit, inihrer Noth und in ihrem Genuß, und zu dem eingehenden Gespräche mit den Begeg-nenden, welches das Gesehene erläutert und deutet, findet nur er Gelegenheit. Undwie die glückliche, heitere Jugend für die bittende Armut Herz und Hand offen habenwird, so schließen auch ihre Herzen gegeneinander in innigerer Freundschaft sich auf,und es bietet sich reichlicher Anlaß, in wechselseitiger Aushülfe und in der Unterstützungder schwächeren diese Gefühle zu bewähren. Das freudig bewegte Gemüth aber.findetseinen Ausdruck im Gesänge, welchen der Erzieher nicht bloß als Symptom einer wün-schenswerthen glücklichen Stimmung begrüßen, sondern auch als Mittel, diese Stimmunghervorzurufen, begünstigen wird: ein frisches Lied läßt augenblickliche Beschwerden ver-gessen und unwillkürlich folgen die ermüdeten Füße seinem muntern Takt.

Zum Schluß sei nur noch an einige rüstige Fußwanderer erinnert, deren Beispielzur Nachahmung aufzufordern wohl geeignet ist. Vor allen an Göthe. In seinenjungen Jahren war er vom Wandern ein so großer Freund, daß er sich selbst denNamenWanderer" beilegte, ja an seinem 23 . Geburtstage ( 28 . August 1772 ), da ervon Wetzlar aus seinen Freund Höpfner besuchte, unter diesem Pseudonym in die Gießen»Fremdenliste sich einzeichnen ließ. In späteren Jahren war es seine Freude, Knabenauf seinen Reisen zur Begleitung mitzunehmen, denen er als trefflicher Pädagog dieVortheile des Fußreisens aufs beste zuzuwenden wußte (vgl. Oldenberg, Grund-linien der Pädagogik Göthe's. Zittau, 1858 , S. 97 ). Seine schönsten Lieder spiegelndie auf den frischen Wanderungen empfangenen Natureindrücke wieder: den Jubel desMai-liedes," die wunderbare Schilderung des Grauens der allmählich heranschleichenden nächt-lichen Finsternis im Anfang vonWillkomm und Abschied," die unvergleichlichen Verse:Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe des rothen Monds mit später Glut heran!'und vieles ähnliche, das konnte nur einWanderer" dichten! Nächst Göthe nenne»wir Schleiermacher, vorzüglich wegen der sokratischen Herrschaft über sich selbst,womit er einen oft kränklichen Körper zu den Anstrengungen der Fußreise zu zwingen,an ihre Beschwerden zu gewöhnen und am Ende doch seinem Geiste den erfrischendenEinfluß dieser Naturgemäßesten Bewegung zu verschaffen wußte. Besser aber können wirnicht schließen, als mit den Worten des rüstigenSpaziergängers nach Syrakus'(Seume, Mein Sommer, S. 200 der Ausg. in einem Band):Wer geht, sieht imDurchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt .... Ich halte denGang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne, und bin der Meinung,daß alles besser gehen würde, wenn man mehr gienge. Man kann fast überall bloßdeswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zuviel fährt. Wer zu viel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen.... Wo alles zu viel fährt, geht alles sehr schlecht: man sehe sich nur um! Sowie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichenHumanität entfernt. Man kann niemand mehr fest und rein ins Angesicht sehen, wieman soll: man thut nothwendig zu viel oder zu wenig. Fahren zeigt Ohnmacht, GehenKraft. Schon deswegen wünsche ich nur selten zu fahren, und weil ich aus dem Wagenkeinem Armen so bequem und freundlich einen Groschen geben kann." *) G. Baur.

*) Am weitesten verbreitet sind die Fußreisen der Schüler in demjenigen Lande, welches freilichauch am meisten dazu einlädt und auffordert, in der Schweiz. Wer je in der guten Jahreszeitdie Schweiz bereist hat, ist gewiß fast täglich Partieen von Schülern und Schülerinnen begegnet,welche zu Fuß, theilweise zu Wagen und mit Dampfkraft, unter fröhlichen, namentlich patriotischenGesängen das Land durchwanderten. Soweit unsere Erkundigungen reichen, ist es dort allgemeinSitte, daß sowohl niedere als höhere Schulen im Sommer ein oder zweimal in Begleitung vonLehrern oder Lehrerinnen, Mitgliedern von Schulbehörden, einen Ausflug von kleinerer oder größererEntfernung und Zeitdauer machen. Die jugendlichen Wanderer werden überall freundlich ausge-nommen und die schönen Zwecke der Sache auch durch Berücksichtigung von Seiten der Gastwirthe,