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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
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Frühreife.

der mit 17 oder 18 Jahren wissenschaftliche Leistungen zeigt, die man nur vom reiferenj Mannesalter erwartet. Das Wort hat sogar, vermuthlich unter dem Einflüsse einigerauffallender Beispiele, die in den letzten Jahrhunderten vorgekommen sind, vorwiegenddie Bedeutung angenommen, daß es den Zustand der sogenannten Wunderkinderbezeichnet, die schon im frühesten Lebensalter Erstaunliches leisten, aber nachher entwederphysisch zu Grunde gehen oder Zurückbleiben und die rechte Reife nie erreichen. Wennman den Begriff der Frühreife in dieser Weise beschränkt und also nur die ungünstigausgehende Verfrühung der Entwicklung darunter versteht, so darf man offenbar Män-ner wie Phil. Melanchthon, Torquato Tasso, Hugo Grotius, Albrechtvon Haller, die alle in ihrer Entwicklung ungewöhnlich früh waren, aber dabei auchnachhaltige Kraft und Tiefe besaßen, nicht als frühreif bezeichnen. Ein Heinecke,Baratt er, K. Witte und andere werden die charakteristischen Beispiele der Frühreifesein. Allein die Natur scheint hier wie auf so manchen anderen Gebieten der mensch-lichen Eintheilungen und Begriffsbestimmungen zu spotten. Es wird vergeblich sein,der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen gegenüber und ohne die zahlreichen Zwischenstufenaußer Acht zu lassen, irgend einen der beliebten Sätze über Frühreife mit einiger Be-' stimmtheit aufrecht zu erhalten.b'ruotus icksrn ckinturnus so xrnooox ssss noguit,"ist ein Spruch, der sich auch den Bewunderern des jungen Mozart aufdrängte, alsdieser in seinem sechsten Lebensjahre zu Wien als Claviervirtuose auftrat (vgl. Jahn,Leben Mozarts I, S. 41). Kein Kind ist wohl entschiedener als Wunderkind aufge-faßt, durch ganz Europa mehr als die außerordentlichste Erscheinung gepriesen worden,denn gerade Mozart. Alles an ihm schien abnorm. Ja noch mehr; er hat auch in derThat kein hohes Alter erreicht und es wird sich kaum leugnen lassen, daß sein früherTod mit seiner frühen Entwicklung in einigem Zusammenhänge stand. Sein ganzesLeben hatte ein etwas beschleunigtes Tempo, allein diese Beschleunigung war nicht nurmäßig, sondern auch in sich regelmäßig und gleichmäßig. Sie verband sich mit jenerfrühen Entwicklung eines Tasso, Melanchthon, Grotius, einer Entwicklung, von der sichbei den meisten sehr bedeutenden Geistern, sei es im Kindesalter, sei es gegen die Zeitder Reife hin unverkennbare Spuren finden. Mit Recht sagt daher Mozarts geistvollerBiograph, das Erstaunenswertheste bei Mozart sei, daß diese für so junge Jahre uner-hörte Productionskraft weder durch Ueberreizung noch durch Ueberbildung in dieser Weisegesteigert war, sondern daß wir diese Entwicklung für die dieser Natur normale erken-nen müßen.*) Mozart trug die Norm seiner Entwicklung in sich selbst. Sein Lebens-gang war nicht so beschleunigt, daß er ihm nicht Raum zur Entfaltung der größtenund reifsten Leistungen gegönnt hätte. Auch darf wohl daran erinnert werden, daß esgerade in der Natur der Musik liegt, der frühen Entwicklung einen ungeheuren Spiel-raum zu verschaffen, ohne der körperlichen Kraft zu sehr zuzusetzen. Die fast jedesJahr auftauchenden jungen Virtuosen beweisen dies, denn wenn auch manche derselbenspäter vom Schauplatze verschwinden, so erlangen doch auch viele wenigstens als Virtuosen,wo nicht als Componisten vollkommene Reife. Das auffallendste Beispiel musikalischerFrühreife ist wohl das des kleinen Engländers William Crotch, der zwei Jahre alt, alsoreichlich ein Jahr früher als Mozart, bereits zu spielen begann. Derselbe Knabe sollauch anderweitig, z. B. im Zeichnen äußerst begabt gewesen sein (vgl. über ihn dieleider nicht kritischen Zusammenstellungen bei Lichtenberg, verm. Schr. 4. S. 200 ff.).Ein interessanter Vergleich mit Mozart ergiebt sich, wenn man das Leben des bekanntenfrühreifen Gelehrten, Joh. Phil. Baratier, betrachtet. Dieser, Sohn eines französi-

*) O. Jahn, W. A. Mozart I. S. 190. Jahns eingehende Vertheidigung Mozarts hebt dengewöhnlichen Vorwurf auf, daß er durch eigentliche Liederlichkeit seine Gesundheit untergraben habe,die aufreibende Wirkung einer durch geistige Getränke unterstützten übermäßigen Production bleibtaber bestehen. Auch scheint es uns doch bei der Lesung von Mozarts Briefen, als ob ein gewißesZurückbleiben im Kindischen aus dem Gebiete des gewöhnlichen Lebens sich nicht so völlig weg.leugnen ließe. L.