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Frömmigkeit. Frohsinn, Heiterkeit.
tive Werth einzelner specifischer (unterscheidender) frommer Handlungen überschätzt, soentsteht Bigotterie; zum Fanatismus aber wird die Frömmigkeit, wenn sie inihrer individuell persönlichen, nationalen oder religionsgemeinschaftlichen Form den An-spruch und Versuch macht, jede andere Art der Frömmigkeit neben sich zu vernichten.Heuchelei, Pharisäismus u. dgl. endlich entstehen aus ihr, wenn die Äuße-rungen der Frömmigkeit ohne die entsprechende Gesinnung angestrebt werden.
Der Erzieher hat bei seiner Einwirkung auf das Kind alle diese Abweichungenbeständig vor Augen zu behalten und unter Hinweisung auf biblische Beispiele davorzu warnen, vor allen Dingen aber sich selbst zu hüten, daß er nicht durch sein Beispieldas Kind auf einen dieser Abwege verleite. vr. Lcchler.
Frohsinn. Heiterkeit. Die Jugend ist von Natur schon aufgelegt zur Freude;die Welt liegt vor ihr noch mit allem Glanz und aller Frische eines Frühlingsmor-gens, weil sie ihr das offene Herz und den frischen Sinn entgegenbringt, dem schondas bloße Hören und Sehen eine Lust ist. Ein gesundes, unverdorbenes Kind wird
stets auch ein fröhliches Kind fein; durch längeres Unwohlsein oder durch falsche Be-handlung kann es mürrisch und verdrießlich werden, aber die Trauer im eigentlichenSinne kennt es nicht. Diesen natürlichen Frohsinn der Jugend zu erhalten und fürdie höheren Zwecke des geistig-sittlichen Lebens derart zu befestigen, daß er als Hei-terkeit des Gemüths eine bleibende Eigenschaft der Seele werde, ist Aufgabe undPflicht der Erziehung. Diese hat folgende Puncte wohl im Auge zu behalten:
1) Alles, was die Gesundheit fördert und das leibliche Leben frisch erhält, beför-dert auch die Heiterkeit des Gemüths. Reinlichkeit, regelmäßiges Lust- und Wasserbad,leichte nahrhafte Kost, Bewegung und angemessene Muskelthätigkeit sind auch Mittelzur Erhaltung des Frohsinns. Dem von Kindheit auf an Mäßigkeit, Ordnung undReinlichkeit gewöhnten Menschen wird die ganze Welt viel heiterer erscheinen als deinin dieser Hinsicht verwahrlosten; er wird aber auch geneigt fein, seine kleine Welt,seine Wohnung und Umgebung sich möglichst heiter und freundlich zu gestalten.
2) Der Frohsinn wird zwar von sinnlicher Seite her gefördert, entsteht jedoch nur,wo Reizfrische mit Thätigkeitsfrische sich paart, wird daher durch alles gestört und ver-dorben, was nur den Sinn reizt oder gar überreizt, was bloß auf Genuß abzielt,ohne die innere Selbstthätigkeit anzuregen. Durch Leckerbissen, prächtige Kleider undSpielsachen, durch Kinderbälle u. dgl. wird nur momentane Lust, aber kein Frohsinnerweckt. Ebenso wird die Unbefangenheit und Harmlosigkeit des Gemüths, die zurrechten Kinderfreude gehört, durch Verfrühung geistiger und ästhetischer Genüsse — z.B. durch Romanlectüre — vernichtet. Hingegen sind Tanz als körperliche Uebung undGesang, an welchem das Kind selber sich betheiligen kann, sinnige Fabeln und Mär-chen, die von der Jugend selbstthätig reproducirt werden, und lehrreiche ernste und hei-tere Geschichten, die ihnen die Alten erzählen — Kinder- und Schulfeste, Turnfahrtenund kleine Reisen, welche die ganze Seele erfüllen und zur Freithätigkeit erwecken, sehrwirksame Mittel zur Erheiterung des jugendlichen Lebens.
3) Der Turnerspruch: Frisch, frei, fröhlich, fromm! ist das rechte Motto auch zumCapitel über den Frohsinn. Bei der lebhaften Jugend steigert sich wohl mitunter dieFröhlichkeit zu geräuschvoller Lustigkeit; ist aber die Zucht rechter Art, so wird eineUeberschreitung des Maßes selten und die Ordnung leichter wieder hergestellt sein; dennder Gehorsam, gegründet auf Ehrfurcht und Liebe zu den Erziehenden, wird als un-sichtbares Band das Kind auch da halten, wo es sich selbst überlassen ist, und in derFreudigkeit des Gehorsams, die auch dann noch sich bewährt, wenn mitten imSpiel der Ruf zu ernster Beschäftigung erschallt, soll es ganz besonders seine Fröm-migkeit zeigen — nicht aber durch Kopfhängerei oder Absonderung von den Spiel-genossen.*)
*) Wir haben schon im Art. „Abneigung" (Bd. I. S. 21) auf die Fälle hingewiesen, indenen das Meiden der Kinderspiele auf einem edleren Grunde beruht. Di-. Döderlcin in seiner