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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
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Frömmigkeit.

eigenes Sündenelend, als über das der Welt erheben gelernt hat, macht es ihmmöglich, sich einem gewißen unbefangenen Lebensgenüsse hinzugeben, der im übrigenseine heilige Schranke an eben dem hat, wodurch er möglich geworden ist. Bei dem

andern nimmt sie mehr den Charakter ernster Lebensanschauungen an, so daß derMensch, ohne darnm für sich und in Beziehung auf andere der Freudigkeit gegen Gottzu entbehren, doch mehr unter dem Eindrücke dessen steht, was noch zu erstreben, alsdessen, was bereits gewonnen ist. Bei innigen, sinnigen Gemüthern wird die Fröm-migkeit mehr durch den über das ganze Leben sich gleichmäßig ausbreitenden Ton derheiligen Liebe zu Gott und Menschen sich zu erkennen geben, bei lebendig erregtenmehr durch lebhaften Ausdruck im Wort und begeistertes Ergreifen solcher Werke, inwelchen sich die Gesinnung aussprechen kann. Die Lebhaftigkeit der Aeußerungen wirdüberhaupt mit dem Alter eher abnehmen und einer intensiveren Stärke derselben Platzmachen. Dem kindlichen und jugendlichen Alter gehört vorzugsweise die Thätigkeit derfrommen Phantasie an, daher die große Empfänglichkeit gesunder kindlicher Seelen fürdie biblische Geschichte, für die Idee des Engelschutzes u. dgl., die mit möglichsterSorgfalt zu nähren sind. Mit der Entwicklung des Verstandeslebens (um die Zeit,wo das Lernen beginnt) ist es die fromme Wißbegierde, die besondere Aufmerksamkeiterheischt, und die Liebe zum öffentlichen Gottesdienste, die mit Ernst und anhaltendgepflegt werden muß. Im übrigen geht jedes naturgemäß sich entwickelnde Kind durcheine Stufe des Pelagianismus hindurch. Seine Gedanken sind: wenn ich brav bin,fromm bin, fleißig bete und lerne, so komme ich in den Himmel (vgl. Luthers Briefan sein Söhnchen). Dem zarten Alter liegt die tiefere Sündenerkenntnis und dasVerständnis der geschenkten Gerechtigkeit im Blute Christi noch ferne. Erst gegen dieUnterscheidungsjahre hin entwickelt sich der Sinn auch hiefür.

Von der gesunden Naturanlage zur Frömmigkeit ist die kranke zu un-terscheiden, welche in pathologischen Störungen des Gemüths- und Geisteslebens ihreWurzel hat und durch ungesunde Steigerung oder Herabstimmung desselben die Neigungentweder zur Ueberschwenglichkeit oder zur ängstlichen Gesetzlichkeit hervorruft, wobei fürden Erzieher besonders darin eine schwere Aufgabe liegt, die wirklich reinen Elementesolcher Triebe von den krankhaften zu sondern. Ueberhaupt aber handelt es sich beidiesem Gegenstände der Erziehung sehr darum, daß das Wahre stets vom Falschenunterschieden werde. Denn jeder dieser Richtungen geht auch wieder die besondere Ge-fahr zur Seite, auszuarten und ein Zerrbild der Frömmigkeit darzustellen.Die mildeste Art solcher Verkehrung ist der Pietismus (im engeren technischen Sinne),d. h. diejenige Richtung der Frömmigkeit, bei welcher das Hauptgewicht darauf gelegtwird, daß das Gottesleben als ein persönlich wirklich gewordenes in den Empfindungendes Einzelnen und deren Ausdrücken erkennbar sei, während man einestheils die Mög-lichkeit oder die Nothwendigkeit leugnet, innerhalb des Weltlebens die Frömmigkeitdarzustellen, anderntheils die Beziehungen zur Welt auf das für die persönliche ExistenzUnumgängliche beschränkt, daher insbesondere von den größeren geselligen und politischenThätigkeiten sich entfernt hält. Bei weiterer Verfolgung dieser einseitigen Richtungentsteht der Separatismus, der selbst von der allgemeinen christlich-kirchlichen Ge-meinschaft sich lossagt, um den Gegensatz gegen das mit ihr verbundene schlechthinWeltliche desto entschiedener ausdrücken zu können; nach anderer Seite hin geht derPietismus in den Quietismus über, wenn der innerliche Besitz und Genuß desGöttlichen gegenüber von der thätigen Frömmigkeit ausschließlich betont wird. Sen-timental wird die Frömmigkeit, wenn die zarten Empfindungen über die kräftigen,die wehmüthigen über die freudigen zur Gewohnheit werden; zur Schwärmereisteigert sie sich, wenn die Innigkeit und Lebendigkeit des Gefühls auf Kosten der ver-ständigen, klaren Erkenntnis und der besonnenen Thätigkeit gepflegt wird. Umgekehrtwird die einseitige Pflege der Gotteserkenntnis bei Vernachläßigung der persönlichenLebendigkeit zur todten Orthodoxie. Wird der Gegensatz zu anderen, wirklichoder vermeintlich unvollkommneren Weisen der Frömmigkeit übertrieben und der objec-