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Frömmigkeit.
Juden und Araber die beiden religiösen Bewegungen ausgegangen sind, welche, obwohlin höchst verschiedenem Sinne, einen so gewaltigen Einfluß auf die Welt ausgeübthaben. Neben manchen andern Factoren ist es ohne Zweifel auch die geographischeBeschaffenheit der betreffenden Länder, welche eine gewiße natürliche Neigung zu dem,was einfach und großartig zugleich ist, und insbesondere zur Beschäftigung mit demUeberweltlichen mit sich bringt, ein Umstand, an welchen die göttliche Vorsehung LeiErwählung des jüdischen Volkes anknüpfte. Mit der Anerkennung dieser Thatsache istnicht gesagt, daß derjenige Mensch oder dasjenige Volk, welche eine solche Anlage zurFrömmigkeit nicht besitzen, an und für sich in diesem Heile verkürzt wären, da die An-lage im Gewissen überall vorhanden ist und durch Ueberwindung natürlicher Hindernisseoft ein höherer Grad der Frömmigkeit erreicht wird, als durch die bloße Ausbildungeiner vielen Abwegen ausgesetzten Naturanlage. — Es ist daher weiter darauf Gewichtzu legen, daß die freie Willensthätigkeit zur Naturanlage hinzukommen, beziehungsweisesie ergänzen muß, wenn die Frömmigkeit ihrem eigentlichen Wesen entsprechen soll. Dazugehört vor allem die Erziehung zur Frömmigkeit, d. h. die leitende Einwirkung einesbereits durch die stetige Richtung auf Gott veredelten Willens auf das Gewissen desKindes, zu dem Zwecke, die vorhandene Anlage durch Anwendung von Lehre und Bei-spiel, von Ermunterung und Strafe ins Treiben zu bringen, sie durch Gemeinschaftmit einem kräftigeren Leben zu stärken, wenn sie schwach, und sie von Auswüchsen zureinigen, wenn sie zu sinnlich kräftig ist. Wesentlich ist bei dieser Aufgabe einerseitsdie volle evangelische Freiheit in dem Hinwirken auf solche Aeußerungen des Geistesund Gemüthes, welche nur dann einen Werth haben, wenn sie aus freier Selbstbe-stimmung hervorgehen und genaues Maßhalten in Anwendung der Erbauungsmittelauf eine Seele, die weder viel, noch starke geistliche Speise ertragen kann; andererseitsauch die fortgesetzte Uebung der Zucht des Gesetzes gegen alles das, was der Fröm-migkeit offenbar widerstrebt und eine Uebertretung der Gebote Gottes in sich schließt.Denn das häufige Misrathen der Kinder frommer Eltern hat in den meisten Fällenseinen Grund darin, daß zuviel Aeußerung der Frömmigkeit gefordert, die Aeußerung ^
der Sünde aber zu wenig, und meist weniger beschränkt wird, als die der natürlichenTriebe zum jugendlichen Lebensgenüsse auch unschuldiger Art. Nächstdem wird sich dieErziehung besonders davor zu hüten haben, daß sie nicht einen bestimmten Typus derFrömmigkeit sich vorsetze, der von jedem einzelnen Kinde zu erreichen wäre, da es sichja nur um die wirkliche Reinheit des Verhältnisses zu Gott handeln kann, die Aeuße-rungen derselben aber je nach dem Naturell, Temperament, Alter, Geschlecht und Standder Einzelnen höchst verschieden sein können. Sodann wird es ihre Aufgabe sein, posi-tiv jede besondere Aeußerung der Frömmigkeit zu pflegen, welche in dem einzelnen Kindeetwa zu Tage kommt und bei vorurtheilsloser Betrachtung sich als eine gesunde Re-gung erweist.
Dies führt uns schließlich dahin, die besond eren Erscheinungen der Fröm-migkeit und die mannigfaltige Verkehrung derselben noch genauer ins Auge zu fassen.
Es versteht sich, daß die nächste und nothwendigste Darstellung der Fröm-migkeit in solchen Handlungen geschehen muß, welche zur Offenbarung und Belebungder Gottesgemeinschaft als solcher dienen, also in öffentlichem Gottesdienst, Gebetund sonstiger Andachtsübung. Denn als sittliche Eigenschaft strebt die Frömmig-keit nothwendig auch nach Gemeinschaft mit andern im Besitz und Gebrauch der sitt-lichen Güter, vor allem des höchsten unter ihnen, Gottes. Dagegen dienen ihnen die Isonstigen Aufgaben der Sittlichkeit zur Probe ihrer Wahrheit und sind alsmittelbare Darstellung der Frömmigkeit zu betrachten, welche durch die unmit-telbaren gereinigt und belebt werden. — Hinsichtlich der Art und Weise sodann, wiejene Thätigkeiten ausgeübt werden, schließt sich die Frömmigkeit zunächst an die Unter-schiede in der natürlichen Beschaffenheit und Lage der Individuen an. Die Frömmig-keit ist bei dem einen vorherrschend heiterer Art; die Zuversicht, mit welcher der Menschdie Versöhnung mit Gott in Christo ergriffen und mit welcher er sich sowohl über sein