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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
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749
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Frömmigkeit. 749

Wesens über die Höhe seiner Umgebungen sich erheben kann. Es ist auf jeder Stufeder Erkenntnis Gottes Frömmigkeit möglich und nothwendig. Aber nur da, wo dasWesen Gottes vollkommen wahrheitsgemäß erkannt ist, da ist auch die echte Frömmig-keit möglich. Und weil die vollkommene, unbedingt währe Erkenntnis Gottes nur inChristo, als dem Sohne und wesentlichen Offenbarer Gottes, sich findet, so ist auchnur innerhalb des Christenthums die echte Frömmigkeit möglich. Jede andere Art vonFrömmigkeit ist nur eine unentwickelte Stufe derselben, wie z. B. die alttestamentliche,oder ein bald mehr, bald weniger mislungener Versuch, wie die jüdische, im Gegensätzeder christlichen, die muhamedanische, heidnische und insbesondere auch diejenige, welcheauf dem Wege der sogenannten Naturreligion als eine verwaschene Nachahmung christ-licher Frömmigkeit entsteht. So gewiß die Liebe in ihrem Wesen sowohl, als in ihremWerthe nicht eines und dasselbe ist, ob sie sich Gott oder dem Menschen, einem Thiereoder einem todten Geschöpfe zuwendet, und so gewiß nicht die Stärke des persönlichenErgriffenseins vorzugsweise den Maßstab dafür abgiebt, ob die Liebe eine echte undwahre sei oder das Gegentheil: so gewiß ist Frömmigkeit nicht zunächst nach dem Ernstund der Wärme der individuellen Gesinnung zu beurtheilen, sondern nach der objectivenWahrheit und Wesenhaftigkeit ihres Grundes. Mit andern Worten: es ist ein Unter-schied zwischen der bloßen frommen Meinung und der wirklichen Frömmigkeit, sonstmüßten z. B. Schwärmerei und Bigotterie, wenn sie nur aufrichtig unv ernstlich gemeintwären, denselben Werth haben, wie die reinste Art der Gottseligkeit. Das unter-scheidende Kennzeichen der wesentlichen Frömmigkeit ist aber darin gelegen, daß sie denMenschen von der Gebundenheit an die Creatur und von der Selbstsucht befreit, ihnalso im höchsten Sinne des Wortes sittlich macht, während jene halbwahren Arten derFrömmigkeit stets den Geist zur Creatur zurückführen (z. B. in der Anbetung derNaturherrlichkeit) oder auf einer verfeinerten Selbstsucht ruhen, wobei der Mensch le-diglich in dem Genüsse seiner erhabenen Empfindungen sich befriedigt findet.

Wenn wir nun das wahre Wesen der Frömmigkeit nur da anerkennen, wo aucheine wahre, reine und vollkommene Gotteserkenntnis sich findet, so ist damit nicht aus-geschlossen, daß die individuelle Frömmigkeit innerhalb einer sonst mangelhaften Gottes-erkenntnis einen vergleichsweise höheren Grad erreichen könne, als bei einem andernIndividuum, das dem Kreise der reinsten Religion angehört. Denn ebendarum, weildie Frömmigkeit immer wesentlich eine sittliche Vollkommenheit in sich schließt, nur daßdieselbe aus der Gesinnung der Ehrfurcht und Liebe gegen Gott entspringt, so kann sieschon durch das bloße Befolgen des in das Herz der Menschen geschriebenen Sittenge-setzes (Röm. 2) und durch die ebenso treue, als innige Benützung der in jeder Religionliegenden ursprünglichen Wahrheiten eine Stärke und Reinheit gewinnen, wie sie dem-jenigen abgeht, der zwar eine objectiv reinere Erkenntnis besitzt, aber innerlich von der-selben nicht durchdrungen ist. Nur ist eine solche individuelle Erscheinung, wie über-haupt schon eine seltene, so auch insbesondere immer als eine individuelle Ueberwinduugder Schranken anzusehen, welche dem Einzelnen durch die Gotteserkenntnis seiner Zeitund seines Geschlechtes gezogen sind. (Wir erinnern an Lessings Nathan. D. Red.)

Den objectiven Bedingungen der Frömmigkeit entsprechen die subjectiven, vorandas, was man als Naturanlage zur Frömmigkeit bezeichnen kann. So sehres nämlich mit den gewöhnlichen Begriffen streitet, so läßt es sich doch aus der Er-fahrung Nachweisen, daß das eine Kind von Geburt an schon einen bestimmten, oft sehrmächtigen Zug zu allem dem hat, was zur Erzeugung der Frömmigkeit dient, währendbei dem andern entgegengesetzte Neigungen sich kundgeben oder wenigstens durchaus keinpositiver Trieb derart sich entdecken läßt. Beispiele davon giebt es auch in der Ge-schichte berühmter Männer. Das von Zinzendorf, der schon in seinem 6. Jahre Briefean den Heiland schrieb und sie durch das Fenster warf, damit Jesus sie aufhebe, isteines der bekanntesten. Aber diese Thatsache beschränkt sich keineswegs auf die einzelnenMenschen, auch die Nationen zeigen eine solche Verschiedenheit der Anlage zur Fröm-migkeit. Denn es ist nicht zufällig, daß gerade von den semitischen Stämmen der