726
Freistellen, Freitische.
sein. Mancherlei Wandelungen und Milderungen der spätern Zeit haben diese Grund- !zöge nicht verwischt. (Vgl. d. Art. Fürstenschulen.)
Da nun die Vorzüge solcher geschlossenen Anstalten ganz unleugbar waren, sosuchte man frühzeitig auch an den freieren Anstalten, wie sie fast überall im protestan-tischen Deutschland entstanden, kleine Asyle, zumal für ärmere Schüler, zu schaffen, inwelchen sie ebenfalls außer dem unentgeltlichen Unterrichte freie Wohnung und Kosthätten und unter eine gewiße Aufsicht gestellt wären. Beispiel einer solchen Neben-anstalt (und es lassen sich hier eben nur Beispiele geben) ist das von den: KurfürstenJohann Friedrich dem Großmüthigen 1544 für die Schule zu Gotha begründete „Cö-nobium", in welchem 24 arme fremde Schüler beköstigt werden sollten. Schulze,Gesch. d. Gymnasiums zu Gotha (1824) S. 29. 57. 75. 104. 155 ff. 202 . Vgl.
Uber eine verwandte Anstalt Hasselbach, Da? Jagcteufel'sche Collegium zu Stettin(1852) bes. S. 32 fs; über das „Pauperhaus" in Tilsit Schneider, Gesch. derProvinzialschule in Tilsit (1854) II. S. 8 f. Wo Privatwohlthätigkeit allein helfenmußte, da war freilich die Zahl der Alumnen meist sehr klein; so beschränkte sich dieHenfling'sche Stiftung in Meiningen auf sechs (Jhling die Einweihung des Bern-hardinums f1821f S. 32), die sonst sehr reiche Staude'sche Stiftung in Stralsundwar zunächst nur für zwei Geschlechtsverwandte bestimmt, die womöglich bei dem Rectoroder Conrector in Behausung, Kost und besondere Information gethan werden sollten(Zober, zur Geschichte des Strals. Gymnasiums V. 2. S. 15). An manchen Ortensetzten sich Einrichtungen fort, welche schon vor der Reformation die von dem regenEifer der Stadtgemeiden gegenüber den klerikalen Schulen geförderten „Stadtschulen"namentlich für die Menge der fahrenden Schüler oder Bachanten getroffen hatten(vgl. Bd. I. S. 338 f.), und wenn nun auch der Geist einer neuen Zeit manche Ver-besserungen herbeiführte, so fehlte es doch nicht selten an der nöthigen Umsicht undEnergie, um Mißbräuche fern zu halten und den Anordnungen wackerer Obrigkeitenund frommer Stifter gedeihliche Ausführung zu sichern. In einigen Städten warendie kleineren Alumnate vorzugsweise für die Chorschüler bestimmt, welche beim öffent-lichen Gottesdienste zu wirken hatten, und solche Anstalten haben sich zuweilen trefflichbewährt, wie das Alumnat der Thomasschule in Leipzig, das unter großen Cantorenoft längere Zeit hindurch einen ausgezeichneten Sängerchor umschloß. Srallbaum,die Thomasschule in Leipzig, 1839. 8.
Aber auch da, wo Alumnate der bezeichnten Art nicht herzustellen waren, erkannteman doch immer wieder an, daß Unterstützung ärmerer Schüler eine Liebespflicht sei,der man sich nicht entziehen dürfe, wie denn auch die Zahl der Eltern allezeit sehrgroß blieb, die Luthers Aufforderung befolgte: „Laß deinen Sohn getrost studiren;und sollte er auch derweil nach Brot gehn, so giebst du uuserm Herrgott ein feinesHölzlein, da er dir einen Herrn ausschnitzen kann." Da suchte man nun wenigstensOonviotoris, (oder Freitische mit bestimmter Anzahl von Percipienten) herzustellen. Einsolches wurde 1608 in Gera zunächst für zwölf arme Schüler eingerichtet, die völligohne Entgelt gespeist werden sollten; daneben aber wurden noch 24 Stellen eröffnet,zu deren Begründung Einheimische und Fremde ein entsprechendes Capital hergebenkönnten, wofür dann sie und ihre Nachkommen das Recht der Besetzung haben sollten.Ludovici, Schul-Historie III. 365 f. Ein ähnliches Ooaviotoriuin erhielt Sorau1725 durch die Stiftung eines Herrn von Heinpenau. Kühn, Nachrichten der So-rau'schen Schule II. (1771) S. 26. Hieher gehört auch der Wilhelm - ErnstischeFreitisch für 12 Schüler in Weimar (Progamin von 1859. S. 35), der Stollisch-Grätzische Freitisch in Zittau. Wo indes diese Einrichtungen nicht zu ermöglichenwaren, da gab doch die Privatwohlthätigkeit überall hin und her in den Häusern ein-zelne Freitische für arme Schüler, manchmal auch freie Wohnungen (llonpiria), undauS zahlreichen Schulschriften älterer Zeit ließe sich zeigen, wie ernst und dringend oftdie Rectoren solche Unterstützungen erbaten, zuweilen unter Hinweisung auf die Collegiender Jesuiten, die durch ihre wohlberechnete Liberalität auch Kinder der Protestanten an