Freiheit des menschlichen Willens.
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die religiöse Betrachtungsweise, welche das neue Leben im Menschen von der wirkendengöttlichen Gnade, mit Abschneidung aller menschlichen Eigenfähigkeit und alles mensch-lichen Eigenruhms ableitet, und die ethische Betrachtungsweise, welche für die ganzeEntwicklung dieses neuen Lebens den menschlichen Willen, seine Buße, seinen sich hin-gebenden Glauben, seinen Gehorsam in Anspruch nimmt und das endliche Seligwerdenoder Verlorengehen des Menschen von seinem eigenen Verhalten mit Ausschluß einerunwiderstehlich wirkenden Gnade abhängig macht —, weil auch hier diese beiden Be-trachtungsweisen zwar gleich entschieden ausgesprochen, aber, wie dies freilich in derNatur der Sache liegt, nicht dialektisch mit einander vermittelt sind. Wie nun aberdie sittliche Unfreiheit wirklich aufgelöst und der Mensch aus der Knechtschaft der Sündein die wahre Freiheit eines neuen, gottgeeinigten, heiligen Lebens zurückgcführt werdensoll, ist im Artikel von der Erbsünde theilweise schon angedeutet und kann in späternArtikeln noch zur Sprache kommen; hier genügt es, den allgemeinen Gesichtspunct, vondem aus die Bildung dieses neuen Lebens zu betrachten ist, richtig zu stellen und damitden wahren Begriff der Freiheit abzuschließen. Dieser richtige Gesichtspunct bestehtmit einem Worte darin, zu erkennen, daß die ganze christliche Lebcnsgestaltung dasgemeinsame Werk der göttlichen Gnade und der menschlichen Freiheit, und zwar in derArt ist, daß die Freiheit vor allem eine Freiheit des Empfangens oder eine freieEmpfänglichkeit des Willens ist und alle Selbstthätigkeit des Menschen im sittlich-reli-giösen Gebiete nur aus dem Empfangen heraus, aus den innerlich aufgenommenenImpulsen der göttlichen Gnade heraus sich gestalten kann. Wenn gleich die Freiheitdas Vermögen der Selbstbestimmung ist, so ist sie als Eigenschaft eines creatürlichen,von Gott fortan abhängigen Wesens Selbstbestimmung nur infolge eines Bestimmt-werdens von Gott, sei es nun unmittelbar im innersten Lebensgrund oder mittelbardurch den Complex der übrigen creatürlichen Ursachen, also ein Wirken nur infolgeeines fortgehenden Empfangens. Der Rationalismus und Pelagianismus kann zwardiese allgemeine Abhängigkeit des menschlichen Handelns neben der Freiheit nicht leugnen,er faßt sie aber insbesondere, sofern sie eine unmittelbare innerliche Abhängigkeit vonGott ist, im Interesse seines spröden Freiheitsbegriffs nicht lebendig genug, daher esbegreiflich ist, daß er noch viel weniger die besondere specisische Abhängigkeit, in welcheder menschliche Wille zu der übernatürlich erlösenden, wiedergebärenden und heiligendenGnade Gottes tritt, anznerkennen geneigt ist, vielmehr sie als mit der Freiheit un-vereinbar verwirft. Die Kant'sche Philosophie und die durch sie influirte Pädagogikist es insbesondere, welche diesen Jrrthum sozusagen kanonisirt hat, daß das sittlich-religiöse Leben einen sittlichen Werth nur habe, sofern es durch die eigene productiveKraft und die Anstrengung des menschlichen Willens erzeugt ist, und daß ebendarumdie göttliche Gnade für die Gestaltung des sittlich-religiösen Lebens in Anspruch nehmennichts anderes sei, als der sittlichen Trägheit ein Faulheitskissen bereiten und diemenschliche Natur herabwürdigen. So verbreitet und sich breitmachend dieser Jrrthumist, so ist und bleibt er doch ein Jrrthum, und ein oberflächliches Urtheil, wie diesschon aus dem Wesen und der Entstehung des Glaubens als des Anfanges des neuenchristlichen Lebens klar hervorgeht. Der Glaube als die Hinwendung des innern Men-schen auf die rettende göttliche Gnade kommt aus dem Hören, aus der SelbstbezeugungGottes vor allem im Evangelium, durch welche der Mensch zur Buße, zur Erkenntnisseiner Sünde und Unfähigkeit und des erlösenden und versöhnenden Heiles in Christusgerufen wird. Diesen Ruf von außen, welchem die göttliche Lebensführung und dasinnerlich vorbereitende Wirken der Gnade zur Seite geht, kann der Mensch hören undihm folgen oder nicht. Schritt vor Schritt wird der Mensch von dem an ihm ar-beitenden Geiste Gottes zur Erkenntnis und zum Gefühl seines Sündenverderbens ge-führt und von der Gnade Gottes gezogen und angezogen, aber er wird nur in demMaße wirklich angezogen und erweckt, als er sich anziehen und erwecken läßt; so wenigdies eigene Kraft und eigenes Verdienst des Menschen ist, so gewiß ist es doch wiedersein Thun, die innerliche That des sich von der Sünde Ab- und Gott Zuwendens;
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