722
Freiheit des menschlichen Willens.
beruht auf einer gewaltigen Verwirrung der Begriffe. Bereut der Sünders eines ein- ^zelne That, so setzt er damit voraus, daß sie hätte unterlassen werden können und ssollen, leugnet aber darum keineswegs seinen sündhaften Gesammtzustand überhaupt; Idenn die einzelne böse That ist eben nicht, wie jene Deterministen wollen, die natür- Iliche und nothwendige Folge des verkehrten Gesammtzustandes, ist nicht die metaphysisch, Isondern ethisch nothwendige Folge desselben, d. h. die zur andern Natur gewordenesündhafte Richtung zieht den Menschen zwar mit überwiegender Macht zur Sünde hin, ,aber sie zwingt ihn nicht in der Art, daß nicht jede einzelne That noch irgendwie !That und freie That des Willens wäre; wie könnte sonst der Sünder die einzelneThat als solche bereuen, was er thun wird, wo er dem unverworrenen Urtheil -seines Gewissens folgt, und wie könnte sonst, wenn die Freiheit gar nicht und nicktmehr, selbst nicht als unkräftige Widerstandskraft vorhanden wäre, ein großer Ver-brecher an Stadien in seinem Leben ankommen, wo es auch für ihn noch eines wirk- 'lichen Entschlusses bedarf, um auch diese Schranken noch zu überspringen! Wie immeraber der Sünder sich gedrungen fühlt, die einzelne That als solche, die er hätte unter-lassen sollen und können, für sich ins Auge zu fassen, so wird er doch, je geschärfterseine sittliche Erkenntnis wird, desto entschiedener auch den Zusammenhang der einzelnenbösen That mit seinem verkehrten Gesammtzustand erkennen und anerkennen und ein-sehen lernen, daß er im einzelnen nicht besser wird, wenn er nicht im ganzen besserund gut wird, ebenso gewiß aber auch, daß er den verkehrten Gesammtzustand in sichaufzuheben und im ganzen besser und gut zu werden nicht durch die Kraft seiner for-malen Freiheit vermag, weil diese eben durch diesen Gesammtzustand gelähmt und be-schränkt ist. Diese Unfähigkeit hat also ihren Grund in der entstandenen realenUnfreiheit des Willens und diese letztere stammt, wie die Lehre von der Erbsünde desweiteren zeigt, aus der formalen Freiheit und der falschen Richtung, welche sie ein-geschlagen hat, nicht aber ist sie, wie der Determinismus unterstellt, die Folge derursprünglichen Nichtfreiheit des menschlichen Willens; denn wenn dies der Fallwäre, könnte auch die Reue als solche nicht ans den sündhaften Gesammtzustand gehen;sie kann vielmehr nur dann in der rechten Weise vorwärtsblicken auf den neuen, durchgöttliche Erlösung zu gewinnenden sittlichen Lebensstand, wenn sie auch rückwärts aufeinen reinen Urständ blickt und die Sündenmacht als eine nicht ursprüngliche und noth- ,wendige, sondern nur durch menschliche Schuld hereingekommene Störung betrauert.Wenn nun aber auch der Sünder den neuen sittlichen Lebensstand nicht durch dieThat seiner formalen Freiheit erreichen kann, sondern durch göttliche That dazu befreit,„wiedergeboren werden muß von oben,' so kann doch die formale Freiheit auch nichtso gänzlich in ihm aufgehoben sein, daß nicht noch das Verlangen nach dem Besserenund Guten, nach einer Umkehr seiner ganzen sittlichen Lebensrichtung in ihm entstehen,genauer aber durch die göttliche bekehrende That in ihm hervorgernfen und von ihmselbst dann innerlich ergriffen und affirmirt werden könnte. Das ist nicht der Sinnder christlichen Lehre von der Erbsünde und kann nicht ihr Sinn sein, daß sie dieMöglichkeit einer sittlich-religiösen Umkehr im Menschen, und im Zusammenhang damiteiner sittlich-religiösen Erziehung ausschlöße. Es ist im Artikel von der Erbsünde(H. Bd. S. 235 ) mit Recht darauf hingewiesen, daß nicht einmal die evangelischeKirchenlehre (freilich speciell nur die lutherische) genauer angesehen eine absolute Knecht-schaft des menschlichen Willens voraussetzt, so extrem auch ihre Aussprüche zu lautenscheinen; wenigstens liegt das Correctiv für die letzteren andern Elementen der evange-lischen Lehre zu Grunde, welche nur nicht herausgebildet sind infolge davon, daßüberhaupt die volle evangelische Wahrheit noch vielfach in den Schranken und Hem-mungen des scholastischen Begriffssystems hängen geblieben ist und im Kampf mit denUeberschreitungen des Christlichwahren nach verschiedenen Seiten hin zu keinem sichernund scharf abgegrenzten Ausdruck dessen, was sie wollte, gelangt ist. Ja man mußum so billiger hier sein gegen die mehr mangelhaften, als falschen Aufstellungen derevangelischen Kirchenlehre, weil auch in der Bibel, namentlich beim Apostel Paulus,