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Freiheit des menschliche» Willens.
geschlossen ist, schon ein wesentlicher Theil der gegen die Möglichkeit einer Selbst-Leschränkung Gottes geltend gemachten Einwendungen beseitigt. Bleiben aber auchRäthsel dabei übrig, so wird sich nur fragen, ob wir nicht, wenn unser endlichesDenken unter diese Räthsel sich demüthigt, größeren Schwierigkeiten entgehen, als wirschaffen, wenn wir den Knoten durch Leugnung der Freiheit zerhauen wollten.
Läßt sich nun der richtige Begriff der Willensfreiheit und seine Realität gegen-über von den Anfechtungen des Determinismus immerhin so, wie es bisher geschehenist, rechtfertigen, so ist doch damit die ganze Frage insofern noch nicht vollständig er-ledigt, als die Freiheit nur erst an sich in abstraoto als ursprüngliche und wesentlicheEigenschaft der menschlichen Natur ins Auge gefaßt und von dem sittlichen Zustandderselben, wie er in oonorsto geschichtlich geworden ist und nun herrscht, und dem Ver-hältnis desselben zu der Freiheit abgesehen wurde. Wenn die Freiheit das Vermögendes Willens ist, sich aus sich selbst zu bestimmen, ebendarum sich aus sich selbst zuentscheiden zu Handlungen in Uebereinstimmung mit den Forderungen des Sittengesetzesoder im Gegensatz zu demselben, so scheint der Mensch vermöge dieser Freiheit auchdas Sittengesetz nach allen Seiten vollständig erfüllen und das Ideal des menschlichenLebens vollkommen darstellen zu können. Man nennt dies — die Losreißung desmenschlichen Willens von dem bestimmenden Einfluß der selbstischen und reinsinnlichenTriebe und die vollkommene Uebereinstimmung desselben mit dem Sittengesetz — dievollkommene Harmonie der menschlichen Lebensbewegung mit ihrer eigenen, göttlichvorgezeichneten Idee auch Freiheit im engern Sinn, die reale oder auch materialeFreiheit, im Unterschied von der bisher besprochenen formalen; man vergleiche denSprachgebrauch des Neuen Testaments, Joh. 8 , 32 . 36 , 2 Cor. 3 , 17 , Röm. 8 , 21 ,die herrliche Freiheit der Kinder Gottes. Ob nun diese Verwirklichung der realenFreiheit durch die bloße Bethätigung der formalen möglich sei, das ist die Frage. Soentschieden auf theologischem Gebiete der Rationalismus dies bejaht und die pelagia-nische Pädagogik in jeder Gestalt damit übereinstimmt, so laut erheben Bibel und Er-fahrung Protest dagegen, indem sie nichts davon wissen, daß je ein Mensch durch diebloße Anstrengung jener natürlichen Wahlfreiheit das Gute aus innerem, lauteremTrieb verwirklicht und zu einem ganz vollkommenen Leben der Tugend gestaltet hätte,— vielmehr unwidersprechlich darauf Hinweisen, daß dies gar nicht möglich ist, weil derMensch, wie er jetzt von Natur erscheint, unter der Uebermacht des Bösen, einerselbstischen Grundrichtung, und ebendamit im Banne der Unmacht des reinsittlichenTriebes steht und infolge davon zwar noch dieses und jenes einzelne und relativeGute vollbringen, aber nicht das wahrhaft Gute, das göttlich Gute, das aus reinerLiebe zu Gott geschieht, in sich selbst und durch sich selbst zur Herrschaft bringen kann,wie der faule Baum keine guten Früchte erzeugen kann. Dies ist das, was die christ-liche Lehre Erbsünde nennt; vgl. den Art. Wenn nun vermöge dieser Erbsünde derWille material unfrei, weil durch die Macht des Bösen gebunden ist, wie verhält sichdann diese materiale Unfreiheit des Willens zu seiner formalen Freiheit? Auch diesesVerhältnis haben manche Deterministen insofern schief aufgefaßt, als sie auch mit diesermaterialen Unfreiheit die formale Nichtfreiheit des inenschlichen Willens glaubten be-gründen zu können und zu dürfen. Sie behaupten nämlich: daß der Mensch das Böse,das er gethan hat, auch hätte unterlassen können, daß er den Zustand, aus welchen:die einzelne Sünde hervorgieng, hätte ändern können, sei eine pelagianische Meinung.So wenig der natürliche Mensch als solcher seinen unheiligen Zustand in einen heiligenverwandeln könne, so wenig könne auch das einzelne Böse unterlassen werden, sofernes nur die natürliche und notwendige Folge des Gesammtzustandes ist. Die wahrechristliche Reue gehe daher nur auf den Gesammtzustand und blicke von der Empfindungder Verkehrtheit des gegenwärtigen Zustandes auf den durch die Erlösung zu empfan-genden hinüber. Diese Meinung mancher Deterministen, durch die sie das Festhaltenan der formalen Freiheit als Pelagianismns hinstellen und nur mit der Leugnungderselben das religiöse und christlich-religiöse Interesse vollkommen gewahrt glauben,
Pidag. SncyNopLdie. II. L. Aufl. 4g