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Freiheit des menschlichen Willens.
soll, das zu werden, was er der göttlichen Idee nach werden soll. Insbesondere mußder Mensch infolge göttlicher Determination das Böse nicht nur als solches, sondern^ auch als seine eigene That erkennen, damit der Schmerz des Schuldbewußtseins ent-j ^ stehe und dadurch das Verlangen nach dem Guten erregt werde, welches seiner Ver-! wirklichung den Weg bahnt. Fassen wir dies etwas genauer ins Auge, so wird unsvom Determinismus gesagt (vgl. Sigwart, das Problem von der Freiheit desmenschlichen Willens rc. Tübing. Zeitschr. 1839, 3. Heft): das Urtheil über die Un-angemessenheit einer Handlung znm Gesetze setze sich in das andere um: das hätte derMensch thun, das andere lassen sollen, glaube aber dann der Mensch, daß er dasjenige,was er nach seiner gegenwärtigen Ueberzeugung hätte thun oder lassen sollen, auch/ hätte thun und lassen können, so sei dies eine psychologische Selbsttäuschung, welchedaher rührt, daß er alle die äußern und innern Ursachen, die auf sein Thun undLassen einwirkten, und den Einfluß derselben nicht genau kennt und richtig schätzt, —^ insbesondere aber darin liege, daß er den Zustand vor und während der Handlung, und den nach ihr verwechselt und darnach meine, daß, was in dem einen möglich und^ wirklich ist, ebenso in dem andern möglich gewesen wäre; daraus erkläre sich nun auch) das Gefühl der Reue, das in Absicht auf die Vergangenheit auf psychologischer Selbst-täuschung beruhe, in Absicht auf die Zukunft aber zu jenen bewegenden innern Ur-sachen gehöre, durch welche der Mensch dem Ziele seiner Bestimmung entgegengeführt- werden soll. Allein wenn der Determinismus behauptet, das Urtheil: diese oder jeneHandlung ist dem Gesetze unangemessen, setze sich um in das andere: sie hätte gethauoder unterlassen werden sollen, so fragt sich, ob diese Umsetzung eine wahre und be-rechtigte ist; ist sie wahr, so schließt sie in sich, daß so hätte gehandelt oder nicht ge-handelt werden können, daß man einer Forderung des Gesetzes hätte entsprechen odernicht entsprechen können. Soll nun aber, wie der Determinismus will, das Thunoder Nichtthun nothwendig sein, mußte der Mensch handeln, wie er gehandelt hat, soist jene Umsetzung unwahr und beruht auf einer psychologischen Selbsttäuschung, undes ist daher begreiflich, daß der Determinismus jenen Satz zuletzt doch wieder zurück-nehmen muß (vgl. Sigwart a. a. O.) und behauptet: man dürfe nicht sagen: ichhätte anders handeln sollen, wohl aber: ich soll ein anderer werden, ich bin nicht,was ich werden soll; das erste Urtheil, soweit es auf Vergangenes gehe, sei ganz un-praktisch, das andere aber, das auf das Künftige geht, ganz und allein praktisch. Wennnun aber nicht gesagt werden darf: ich hätte anders handeln sollen, so wird eben da-mit zugegeben, daß man so und nicht anders habe handeln müßen und daß man nunein anderer werden müße und auch könne, nachdem und weil man zuerst böse gehandelthabe; wie soll aber in einem solchen Falle noch ein Schuldbewußtsein und eine Reue. im wahren Sinne des Wortes subjectiv möglich sein? Könnte man unter dieser Vor-aussetzung eine Handlung etwa im allgemeinen auch noch zurechnen, so könnte doch dasGefühl der Unlust, der Scham, der Strafwürdigkeit nimmermehr zu seiner ganzenTiefe und Wahrheit sich entwickeln, wenn man zugleich wüßte: die That war noth-wmdig. Die Erfahrung zeigt, daß der Mensch das Schuldbewußtsein, welches ihn er-greift, zu entkräften strebt durch Berufung auf alle mögliche, ihn nöthigende Umständeund Verhältnisse, allermeist auf seine Individualität, vermöge welcher er „einmal sosei' und habe handeln müßen; auf der andern Seite greifen gerade die sittlich kräf-tigsten Naturen von allen möglichen Erklärungs- und Entschuldigungsgründen ihrerSünde zurück auf die Freiheit, als auf das Vermögen eines Andershandeln-Gekonnt-habens und heften daran den ganzen Schmerz ihres Schuldbewußtseins und ihrer Reue.Wäre das menschliche Thun eben nur das Product einer wie immer im einzelnen Falleunerkannten Nothwendigkeit, dann ließe sich nimmermehr begreifen, warum der Menschnicht daran sich gewöhnen sollte, sein Thun in die Reihe dessen, was einmal geschehenist, hineinzustellen und damit gleichsam von sich abzulösen. Wenn dagegen das un-verworrene sittliche Urtheil des Menschen auf sein vergangenes Thun immer wieder,.sti es nun mit Freude oder mit Schmerz, als ein unablösbares, persönliches Eigen-