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Fellenberg.
Pestalozzi war eine kindliche Natur, naiv, gemüthlich, voll Vertrauen und Liebe zuden Menschen, aber auch leicht verletzt und zurückgestoßen, wenn sein Vertrauen getäuschtwar, schwer wieder zurechte zu bringen, und wie er selbst allen Menschen mit Wohl-wollen zuvorkam, so wollte er auch selbst nicht rauh angelassen sein. Ein solcher Cha-rakter konnte nicht wohl in die Länge sich vertragen mit einem Manne wie Fellenberg,der, obwohl er in dem einen Puncte der Volkserziehung mit Pestalozzi schwärinte, dochsonst fast in allem ihm ganz unähnlich war; ein Mann der Vorsicht, der Berechnung,des praktischen Verstandes, voll Energie und Consequenz verkehrte er mit Menschen stetsim Andenken an die Zwecke, zu welchen er sie brauchen konnte, und ließ bald diplomatischeFeinheit spielen, bald gieng er mit Schärfe und Heftigkeit zu Werke. Sollten beideZusammengehen, so lag es im Interesse der Sache, daß derjenige, der von Natur darausangelegt war, auch den Ton angab. Dies war Fellenberg. Pestalozzi aber, wiewohlkeineswegs unfügsam, fühlte sich von Fellenberg abgestoßen. Er wollte sich Fellenbergnicht nur nicht unterordnen, sondern wollte nicht mit ihm Zusammengehen. Wir glaubenübrigens, wiewohl wir zugestehen, daß Pestalozzi ein reicherer und edlerer Geist war alsFellenberg, daß Pestalozzi von Fellenberg weniger einseitig und billiger beurtheilt wurde,als Fellenberg von Pestalozzi. Dies mag über das Verhältnis beider Männer genügen.
Wenn aber von der Armenschule in Hofwyl die Rede ist, so muß vor allem derName des Mannes genannt werden, welchen ausgewählt zu haben Fellenbergs Ruhmist, welchem aber die Schule selbst den größten Theil ihres Ruhmes verdankt; wir meinenWehrli. Dieser schlichte und einfache Mann, der keine höhere Bildung genossen, ver-einigte in einem seltenen Maße die Eigenschaften in sich, welche der Hausvater undLehrer einer Armenschule haben soll. Kenntnisreich und von ausgezeichnetem Lehrgeschick,dabei sich weise beschränkend auf den Kreis seiner Anstalt, erfahren in allen landwirth-schaftlichen Geschäften, das ganze Leben der Zöglinge vom frühen Morgen bis zumspäten Abend theilend, mit den Bedürfnissen der Einzelnen und der Anstalt aufs genauestebekannt, ruhig und doch immer eifrig, rastlos thätig und nie erschöpft war er, Fellen-bergs geistige Kraft und Ueberlegenheit anerkennend, ein treffliches Werkzeug für Fellen-bergs Zwecke, welcher ihm wiederum großes Vertrauen schenkte und ihm in seinem Kreisefreien Spielraum ließ. Referent erinnert sich wenige Menschen kennen gelernt zu haben,welche er so ganz an ihrer Stelle gefunden hätte wie Wehrli. Mit seinem Eintritt imI. 1810 hob sich die Schule, welche bis dahin im Kampfe mit mancherlei Schwierigkeitennicht recht hatte gedeihen wollen, zu jener anerkannten Musterhaftigkeit, durch welche siedie Mutter zahlreicher Töchteranstalten in und außer Europa, Hofwyl aber mitten insehr unruhigen und kriegerischen Zeiten ein Gegenstand gespanntester Aufmerksamkeit,eine Art Wallfahrtsort für alle diejenigen geworden ist, welche sich für das Wohl derMenschheit, besonders der niederen Volksclassen und für die Lösung der schwersten sociale»Probleme interessiren (vgl. den Art. Wehrlianstalten). Daß er auch in selbständigerStellung sich zu bewegen wußte, hat er später als vieljähriger Vorstand der ThurgauerNormalschule bewiesen, wohin er im I. 1834 berufen wurde.
Indessen waren es nicht allein die Verhältnisse der niederen Volksclassen, welche Fellen-berg ins Auge faßte. Im I. 1807 wurde zur Bildung rationeller Landwirthe ein höhereslandwirthschaftliches Institut gegründet, welches einer großen Frequenz sich erfreute undvon dem aus die meisten landwirthschaftlichen Anstalten Europa's sich gebildet haben;großartige landwirthschaftliche Volksfeste, landwirthschaftliche Vereine lehnten sich andiese Anstalt an und gaben weithin Impulse zur Nachahmung. — Zum Glanz Hofwyls
unbeholfenen Theoretikern öfters eigen ist, erzählte manche Anekdoten über die ungeordnete Haus-haltung, die Pestalozzi führte, so unter anderem, Pestalozzi habe die üble Gewohnheit gehabt, tiefin die Nacht hinein Lei brennendem Acht im Bette zu lesen, sei auch wohl eingeschlafen, ohne daSLicht zu löschen. Fellenberg nun habe die Anordnung getroffen, daß Pestalozzi zum Schlafengehennur ganz kurze Lichtrestchen zur Verfügung gestellt wurden. Darüber sei es zu heftigen Auftrittengekommen. Man sieht, wie unbillig und doch fast wie nöthig diese Bevormundung war.