Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
421
Einzelbild herunterladen
 

421

Fellenberg.

gierung in Bern nach dem I. 1831 als Mitglied des Erziehungsraths nicht stellenkönnen. Er war auch darin ein Herrscher, daß er persönlich imponirte und, wo er esnöthig fand, trotz der Einfachheit feiner Lebensweise und seines Auftretens, zu repräsen-tiren wußte. Er war aber nicht nur ein Herrscher vermöge seines Temperaments, son-dern auch vermöge feines Geistes und insbesondere vermöge seines bedeutenden Organi-sationstalentes und seiner rastlosen geordneten Thätigleit. Man muß die Ordnungund Sauberkeit gesehen haben, welche in Hofwyl in allen Stücken und an allen Ortenherrschte, in den Ställen sowohl wie in dem Salon des .Stifters"; man muß wissen,wie wohlberechnet alles ineinandergriff, wie die verschiedenen Anstalten einander unter-stützten, wie die verschiedenen Kräfte ausgebeutet wurden, wie die zahlreichen Mitgliederder Fellenberg'schen Fannlie selbst nach den verschiedensten Richtungen hin den Zweckender Anstalt dienstbar waren, wie dann derStifter" selbst über allem waltete, früheauf, überall gegenwärtig, bald zu Fuß, bald zu Pferd, alles überwachend, auf den Gangder Politik eben so aufmerksam, wie auf die kleinen Verhältnisse seiner Schulen oderseines Viehstandes, in zahlreichem brieflichem Verkehr stehend mit den ausgezeichnetstenMännern und von nicht minder zahlreichen Besuchen des In- und Auslandes beehrt.Gewiß, wenn man auch durch manches in Hofwyl erinnert wurde, daß man hier eherin einer rr.-(>«r^ch*) im bessern Sinn des Worts als in einer Republik lebe, mankonnte nicht umhin, den Geist des Mannes zu bewundern, der diese Schöpfung insLeben gerufen, organisirt und hernach fast ein halbes Jahrhundert lang mit Thatkraftund Einsicht geleitet hat.

Man sollte meinen, Pestalozzi hätte sich sollen in eine solche Natur finden können.Allein bei genauerer Betrachtung der Sache wird man sich vom Gegentheil überzeugen.Pestalozzi war in Betreff der pädagogischen Befähigung Fellenberg weit überlegen.Fellenberg hat seine mangelhafte Anlage zum praktischen Lehrer, obgleich oder eigentlichweil er Vorträge hielt über Theorie der Landwirthschaft, docnmentirt. Es fehlte ihmdas für einen erfolgreichen Unterricht nothwendigste Erfordernis, die Fähigkeit aus sichherauszutreten und in die Anschauungen und Vorstellungen anderer einzugehen. Es fehlteihm ferner an speciellen und positiven Kenntnissen in den Schulwissenschaften. Inbeiderlei Hinsicht war ihm Pestalozzi weit überlegen, wie denn die Verbesserung derMethodik, welche gebaut ist einmal auf die Kenntnis des jugendlichen Geistes, sodann aufdas Verständnis des Lehrstoffs, als ein Hauptverdienst Pestalozzi's bezeichnet werden muß.Fellcnbergs hochstrebendem Geiste schienen diese Dinge klein, Pestalozzi's feinfühlendemSinne erschienen sie sehr wichtig. Es läßt sich denken, daß auch hierin Fellenberg ordnenund befehlen wollte, ebenso aber auch, daß Pestalozzi hierin sich nicht unterordnen konnte.In anderer Beziehung kehrte sich das Verhältnis um. Pestalozzi war ein Mann, dersich gehen ließ, im Aeußern höchst unscheinbar, fast dissolut, in ewiger pecuniärer Bedrängnis,er wollte sich in keine feste Ordnung fügen, weil ihm dies alles zu kleinlich schien. Fcllen-berg war keineswegs karg er konnte splendid sein und die großartigsten Opfer bringen aber sparsam, berechnend, streng geordnet, immer bei Kasse, weil ihm die Sorge fürdiese Dinge wichtig schien. Fellenberg hatte auch für die Zeit ihrer Vereinigung dieökonomische Leitung zu übernehmen sich verbindlich gemacht. Hierin nun sich nnterzuordnenwar Pestalozzi nicht möglich. Wenn es ihm schwer war gegen seine Natur anzukämpfen,so wurde die Schwierigkeit erhöht durch die herben Formen, in welche Fellenberg seineökonomischen Anordnungen kleidete, Formen, deren sich zu entschlagen Fellenbergs Naturebenso sauer eingieng, als der Pestalozzi's, sie zu tragen.**)

*) Fellenberg that sich häufig, besonders gegenüber von Angehörigen monarchischer Staatenetwas darauf zu gute, daß erein Republikaner" sei. Nichts desto weniger nahm er keinen An-stand, dem Lehrerconvent einmal zu wissen zu thun, daß erkeine Landstände" brauche.

**) Fellenberg, von welchem Referent niemals ein bitteres Wort über Pestalozzi gehört, deraber mit einem Bedauern sich über Pestalozzi's Schwachheiten äußerte, welches aus einem nichtganz berechtigten Bewußtsein der Ueberlegenheit zu fließen schien, wie sie Praktikern gegenüber von