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Familie, Familiengeist, Familiensinn.
licht in einer Stelle der in Geffkens Bilderkatechismus des 15. Iahrh. (I. Leipz. 1855S. 106 ff.) näher beschriebenen „Himmelsstraß" von Stephan Lanzkranna, Propst inWien, 1. Ausg. Augsburg 1484, wo zum dritten Gebot unter andrem gesagt ist: „Owie ein bessere Kürzweil wollt ich ihn lernen, daß er nach Essens des ersten mit seinemVölcklin gieng zu einer Predig, darnach seß er daheim mit seiner Hausfrauen und mitseinen Kindern und mit seinem Völcklin, und fraget sy, was sy in der Predig gemerckethetten, und sagt, was er hat gemercket, verhöret sy auch, ob sie die 10 Gebott künenund verstünden die 7 Todsünd, den Pater Noster und den Glauben, und lernet sy, undließ ihm darzu ein Trünckle bringen und ein guotes Liedlin von Gott oder von unserliben Frauen oder etwas von den liben Heiligen singen, und war also frölich in Gottmit seinem Völcklin, das war ein guote Kürzweil, bei der auch Cristus der Herr würdegegenwärtig sein, als er das verspricht im Evangelij: wo zween oder dry gesampt seinin meinem Namen, da bin ich in jrer Mitt." Aber nicht bloß diese Erholungsaugen-blicke, sondern das Arbeitsleben selber muß den gleichen Gedanken in sich tragen. Wiedas Kind sieht, daß von den Eltern jedes in seinem Theil seine Arbeit dem Wohl allerwidmet, so muß es sich gewöhnen, nach Maßgabe seiner Kräfte an diesem Wirken fürsGanze Theil zu nehmen. Ganz besonders schön ist in dieser Beziehung die Stellung,die die Heranwachsende Tochter zur Mutter einnehmen kann und soll, da sie, ohne irgendden Gehorsam und die Ehrerbietung zu verleugnen, die sie als Tochter schuldig ist, dochschon viel mehr die Freundin und Beratherin der Mutter ist, die auch in solchen Dingen,welche der Mutter entgehen, denen sich zu widmen dieselbe entweder müde ist oder niesonderlich geneigt war, die mütterliche Fürsorge ergänzt, die in Bezug auf Forderungendes Anstandes, die mit der Zeit ja auch fortschreiten, difficiler ist als die Mutter, derengesundem Verstand und frischem, unverfälschtem Gefühl aber die Mutter selbst Recht zugeben nicht umhin kann. So schön solch ein Verhältnis ist, so schwer ist es anderer-seits, unter den Geschwistern immer den richtigen Ton herzustellen und zu erhalten.Gelingt es schon von vorn herein, eine gewisse Zartheit des gegenseitigen Benehmensin Gang zu bringen, freundliche Aufmerksamkeit für die gegenseitigen Wünsche, Verträg-lichkeit auch bei Differenzen, so ist unendlich viel gewonnen, und man muß manche Elternglücklich preisen, denen dies, ohne daß sie besondere Mittel dazu anwendeten, gelingt.Aber weit nicht alle Kinder, auch wenn sie von gutem Stamme sind, finden wir dazugenaturt; einander zu necken, bei jeder Kleinigkeit sich über das Mein und Dein zuzanken, das ist ein so allgemeines Stück Erbsünde, daß wir es bei Kindern finden, denendie Erwachsenen im Hause nie ein Beispiel dieser Art gegeben haben. Soll also dieFamilie ihren sittlichen Einfluß haben und nicht vielmehr ein Tummelplatz aller kindischenLeidenschaften sein, so bleibt nichts übrig, als die Zucht, die, was das Kind nicht vonselber thut, ihm abnöthigt und, wo noch die brüderliche Gesinnung fehlt oder wenigstensnoch unter den Stacheln der Unbändigkeit verborgen ist, dafür inzwischen ein Recht auf-stellt, das nicht verletzt werden darf. Dadurch wird eher Raum geschafft, daß mit denreifern Jahren auch ein edlerer Sinn, mit dem Verstand auch die Liebe mehr gedeiht.Vielfach wollen sich die jüngeren Geschwister die Auctorität nicht gefallen lassen, die dieältern sich angeeignet haben; es entspringen daraus um so mehr Verdrießlichkeiten, alsz. B. Mädchen von 14 —16 Jahren, obgleich sie den Brüdern von 10 —14 Jahrenweit voran und deren Roheiten entgegenzutreten berechtigt sind, doch andrerseits selbstnoch zu viel kindisches und unbesonnenes an sich haben, als daß sie mit rechtem Taktjene Auctorität geltend machen und behaupten könnten. Uebrigens muß nicht nur Respec-tirung des gegenseitigen Rechtes, Eigenthums rc., sondern auch gegenseitige DienstleistungGesetz im Hause sein und die Uebung derselben keineswegs von freier Neigung abhängiggemacht werden. — Wie sich hiedurch im Familienleben die Kräfte jedes einzelnen ent-wickeln, und ihm und den andern in ihrem Werthe fürs Ganze zum Bewußtsein kommen:so wird auch, namentlich in zahlreicheren Familien, der Charakter eines jeden von denübrigen schärfer erkannt; die stehenden Titel, die Beinamen, die z. B. ältere Geschwistervon den jüngeren, diese von jenen erhalten, sind für beide Theile oft bezeichnend; sie