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Familie, Familiengeist, Familiensinn.
Liebespflicht (1 Tim. 5, 8 ist, obgleich zunächst in engerem Sinne gemeint, doch auchhierauf zu beziehen); es gehört zum »Bestellen des Hauses". So erhebt sich auch dieFrau in der Liebe zu Mann und Kindern zur höheren Weiblichkeit; was in der Jung-frau noch wie in der Knospe verschlossen war, ist jetzt entfaltet und prangt als Blüteund als Frucht zu gleicher Zeit. So ist die Familie ein Heiligthum, in welchem allesdazu angethan ist, das Beste, was das Menschenherz in sich trägt, ans Licht zu bringenund zu pflegen; sie ist der rechte, von Gott erbaute Heerd, auf dem die Flamme derLiebe brennt; sie ist darum auch, wie namentlich Chalybäus a. a. O. schön ausgeführthat, die Stätte, wo der sittliche Mensch seine tiefste Befriedigung, sein höchstes Glückfindet, der wahre Ort und Hort ethischer Eudämonie. In diesen geweihten Kreis nunfindet sich das Kind vom allerersten Aufdämmern des Bewußtseins an hineinversetzt:der Geist der Liebe, der Vater und Mutter und Geschwister verbindet, umweht es vonAnfang an. Daran lernt es Liebe, lernt aber zugleich auch, daß diese nicht ein Auf-geben der eignen persönlichen Stellung ist, denn der Vater und die Mutter, der Bruderund die Schwester, jedes behauptet seinen geordneten Platz im Ganzen; es lernt somithier neben allem, was die Liebe thut, immer zugleich auch das Recht kennen und respec-tiren, sowohl das Recht, das in der elterlichen Auctorität liegt, als das Recht, das jedemGeschwister, jedem Dienstboten zuerkannt werden muß. So ist das Familienleben selberschon eine umfassende Schule der Sittlichkeit; in ihm ist das Gute bereits zu einerobjectiven Realität, zur Sitte geworden. Damit es dies leisten kann, ist vorerst nichtsnöthig, als eben, daß der Sinn, in welchem Vater und Mutter regieren, ein recht-schaffener ist. Aber es sind doch auch speciellere Momente herauszuheben, an die wireigentlich nur dadurch erinnert werden, daß sie vielfach zu vermissen sind. Indem wir dasim Art. „Ehe" Gesagte nicht wiederholen und außerdem auf die schöne Ausführung vonWaitz (Mg. Päd. S. 202 ff.) verweisen, berühren wir hier Folgendes. In den erstenLebensjahren ist es vorzugsweise die Mutter, deren Pflege das Kind bedarf; die Ge-schwister verhalten sich nur helfend, der Vater ergetzt sich nur an und mit dem Kinde, —unentbehrlich ist ihm bloß die Mutter. Es ist wenigstens ein schlechtes Zeichen für denBestand des Hausregiments, wenn der Vater dem Kinde förmlich Dienste zu leisten hat.Sein Beruf schon bringt es mit sich, daß er es seltener des Tages sieht oder sich mitihm abgiebt; wäre er immer anwesend ohne Arbeit, so würde instinctmäßig des KindesAchtung ihm nie werden, wie sie dem Hausherrn gebührt. Es muß sehen, wie auchdie Mutter ihn als solchen anerkennt, wie nach ihm sich das ganze Haus richtet, aberebenso auch, wie er mit männlicher Liebe in Wort und Miene, in Rath und That ihrsolches vergilt und von den Kindern gleiche Ehrerbietung, Dienstfertigkeit und Aufmerk-samkeit für sie fordert. Die ersten Keime alles Guten hat die Mutter Gelegenheit, indes Kindes Herz zu pflanzen *); nicht aber ist das ein onus, das der Vater auf sie ab-wälzen dürfte; z. B. dem Kinde erzählen, mit ihm vor dem Einschlafen beten rc., das
*) Wir verweisen auf den Art. Augustinus, wo ein Beispiel von dem Segen frommer Mütter,von der lange nachwirkenden Kraft ihres Gebets angeführt ist. Der Segen einer frommen Mutterwar es, was den Knaben Fichte, als er von Schulpforta entlaufen wollte, plötzlich stille stehen, dermütterlichen Mahnung eingedenk beten und sofort sich besinnen und eilend nach seiner Zelle um-kehren ließ (vgl. Stoy, lieber Haus- und Schulpolizei S. 17). Aehnliches wissen wir von demstillen, aber tiefgehenden Einfluß mancher Großmutter; wie oft ist die Großmutter, die bei demSohn oder der Tochter wohnt, ein unschätzbares Kleinod für das ganze Haus und ihr abgelegenesStübchen das Asyl für alle Glieder der Familie, die Rath und Aufrichtung, Ermunterung undZuspruch bedürfen. Die alten Griechen benannten die Enkel gern nach den Großeltern; es warihnen die Beobachtung nicht entgangen, daß die körperlichen und geistigen Eigenschaften sich sehroft mit Ueberspringung des nächsten Gliedes vererben (vgl. Lucians Charon Cap. 13 und wasMönnich „Btldungsgeschichten" I. S. 75 von Lessing sagt) — eine weitere Stütze der natürlichenLiebe der Großeltern, die bei normalen Verhältnissen durch Weisheit und Erfahrung noch mehrgeläutert ist, als bei den Eltern, deren Blut noch einen lebhafteren Rhythmus hat; unverständigeGroßeltern erschweren freilich auch oft die Erziehung. Schmid-