Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
392
Einzelbild herunterladen
 

Fabrikschulen.

Frankreich, A. Escher, Böhmert in der Schweiz, V. A. Huber, Metz, Ouistorp inDeutschland, Robert Owen mit seinen ausgezeichneten Einrichtungen und trefflichenSchulen (New-Lakark) in England, Ducpotiaux in Belgien und viele andere Namenverdienen der Vergessenheit entrissen zu werden.

Die Erfolge dieser verschiedenen öffentlichen und privaten Bestrebungen zum Bestender jugendlichen Arbeiter in den Fabriken sind nicht überall gleich. Wo nur aus Furchtvor Strafe oder in der Absicht, sich der Ausführung der Gesetze soweit immer möglichzu entziehen und die Verfehlungen durch falsche Einträge zu verbergen, gehandelt wird,da kann natürlich von einem Erfolg nicht die Rede sein. Anders ist es da, wo nichtnur um der Gesetze und der Strafe willen, sondern aus innerer Ueberzeugung, ausreiner Gewissenhaftigkeit und echter Humanität die Fürsorge für die Kinder geübt wird;da sind auch die Erfolge ebenso sichtbar als erfreulich.

Nicht mit Unrecht hat ein competenter Richter ausgesprochen: die Schule soll ersterfunden werden, welche die Schwierigkeiten, die der Einrichtung und Leitung solcher Lehr-anstalten bisher hindernd im Wege standen, zu lösen habe. Wir haben sie als einenNothbehelf anzusehen, durch welchen wenigstens die schlimmsten Folgen, die das Fabrik-leben für Kinder hat, einigermaßen neutralistrt werden können.

Entschieden wird zugegeben werden müßen, daß für jugendliche Fabrikarbeiter dieErrichtung eigener Schulen zweckmäßiger ist, als der Besuch der Communalschulen, dasich diese unmöglich nach der Convenienz des Fabrikbesitzers richten können und da beidieser Art von Kindern, welche so viel beschäftigt sind, das unumgänglich Nothwendigeauf dem kürzesten Weg erreicht werden muß. Kommen die Kinder etwa nach Voll-endung des zwölften Jahres in die Fabrik, nachdem sie die Volksschule absolvirt oderwenigstens den absolut unentbehrlichen Unterricht empfangen haben, so ist die Aufgabefür die Fabrikschule leichter und sie kann mit einer bis zwei Stunden fortführen odererhalten, was bereits begonnen ist. Treten aber die Kinder in jüngerem Alter, wie esgewöhnlich besonders in größeren Fabrikorten der Fall ist, und bei ungenügendemElementarunterricht ein, so ist die Aufgabe eine schwierigere, und es sind unter Be-schränkung auf die nothwendigsten Fächer, Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen in erster,Zeichnen und Gesang in zweiter Linie und unter Weglassung alles unnöthigen Beiwerkstäglich 3, wenigstens ll'/z Stunden Unterricht zu ertheilen. Wo die Fabrikarbeitenfortgehen müßen, sind die sogenannten reluis, gegenseitige Ablösungen, wie in Mül-hausen, zu empfehlen, so daß die Kinder, die zur Schule gehen, von anderen Kindernin ihren Arbeiten zu bestimmten Zeiten abgelöst werden.

Vorausgesetzt, daß die Arbeitszeit eine den Kräften des Kindes entsprechende ist,kann die Arbeit in der Fabrik mit ihrem Mechanismus nicht geradezu als hinderlichund ganz unvereinbar mit dem Schulunterricht angesehen werden,*) wenngleich zuge-geben werden wird, daß in ungleich förderlicherem Zusammenhang mit dem Schulunter-richt die landwirthschaftliche Arbeit, der Feld- und Gartenbau steht, wie dies desnäheren in dem achten Rechenschaftsbericht der deutschen Pestalozzi-Stiftung zu Pankowbei Berlin von 1856 und in dem Gutachten des Professor E. W. KalischIn Sachender Fabrikschulen* nachgewiesen ist. Wenn das Mitglied des preußischen Abgeordneten-hauses, F. Kalle, in seiner Schrift (Maßregeln zum Besten der Fabrikarbeiter. Wies-baden 1875) eigenen Fabrikschulen nur da das Wort redet, wo die communale Elementar-schule keine genügenden Lehrkräfte besitzt oder in ihren Räumlichkeiten zu sehr beschränkt

*) Sehr richtig bemerkt Böhmert inUntersuchung über die Lage der Fabrikarbeiter" (Zürich1869): An sich kann man in einer frühzeitigen Gewöhnung der Kinder zu einer geregelten Thäiig-keit, sobald eine solche nur ihren Kräften angemessen ist, keine beklagenswerthe Erscheinung erblicken,da Leute, die frühzeitig zur Arbeit angehalten wurden, sich in der Regel solider entwickeln werde»,als andere, die sich dem Müßiggang ergeben, im Elend leben und zuletzt zur Bettelei und Dieb-stahl ihre Zuflucht nehmen. Daß er übrigens dabei auch dem Einschreiten des Staates das Wortredet, da es sich um Staatsangehörige handle, die sich nicht selbst schützen können, für welche alsoder Staat wie für Unmündige, Unzurechnungsfähige zu sorgen habe, ist eben so richtig.